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Wächter-Serie, Kapitel 1-3

Kapitel 1
Die Bäume des Waldes sind in das spärliche Licht der Dämmerung getaucht. Das kleine Gewässer, das sich über die letzten Regentage gebildet hat, spiegelt die letzten Minuten des Tages. Die unterschiedlichsten Pflanzen drängen sich an seinen kleinen Ufern zusammen. Ihre Blüten beginnen sich bereits für die Nacht zu schließen.
Eine geduckte Gestalt huscht zwischen den Bäumen hervor und strebt zielsicher das klare Wasser an. Sie kniet sich neben die Pflanzen und wühlt ungeduldig in ihren Taschen. Nach kurzer Zeit kommt ein lederner Beutel zum Vorschein. Nun mit mehr Geduld beginnt das Wesen gewählte Blüten und Blätter vorsichtig mit einem schwarzen Messer von seinen Stängeln zu lösen. Liebevoll wird jede von ihnen in die Tasche gelegt.
Eine Windböe streicht der Zwergin über ihr Gesicht und lässt die Strähnen, die ihrem Zopf entkommen waren, aufgeregt tanzen. Ihr Gesicht war von einigen tiefen Falten durchzogen, aber ihre grünen sanften Augen lies sie merklich jünger wirken.
Immer noch vertieft schnitt sie Blatt um Blatt ab, um sie später mit sich zu nehmen. Ihre Hand vollführte jeden Griff, als wäre er tausendmal erprobt. Von ihrer anfänglichen Nervosität war nichts mehr zu spüren.
Bedacht steckte sie das Messer wieder ein und führ mit ihren Erde überzogenen Händen in das Wasser. Kurz beobachtete sie wie sich die Erde von ihren Händen zu lösen begann, bevor die Zwergin Wasser in ihren Beutel schöpfte.
Das Licht war bereits verschwunden und die Nacht erdrückend still.
Ein nahes Rascheln ließ sie aufschrecken. Wie konnte es sein? Ihre Gedanken überschlugen sich. Hektisch riss sie das Leder mit seinen Pflanzen an sich und achtete nicht auf diejenigen, die verloren gingen. Stolpernd hastete sie zum nächsten Baum um sich irgendwie Deckung zu verschaffen. Aber es war bereits zu spät.
Entsetzt sah sie eine große und schlanke Gestalt aus dem Gebüsch neben ihr treten. Unwillkürlich schlug sie ihre Arme schützend um sich und lies ihren Beutel fallen. Mit vor Angst geweiteten Augen starrte sie auf den Neuankömmling.
Bitte. Nicht ich. Bitte. Geh weiter, du Monster. Mein Messer. Wo ist es? Ich. Ich muss es nehmen. Kämpfen. Bitte. Götter, steht mir bei. Bitte. Nicht ich. Nur nicht ich.
Als ob das Wesen ihre Gedanken hören konnte, sah es sie an.
Schock gefror ihren Körper. Unfähig auch nur zu atmen, einen Gedanken auszusprechen, stand sie schutzlos vorm Baum.
Lächelnd wandte die Gestalt ihren Blick ab und lief ohne stehen zu bleiben weiter. Das Wasser, welches dabei aufgewühlt wurde, spritze umher. Einige Pflanzen waren in den Boden getreten worden.
Ohne sich noch einmal umzublicken, verschwand die junge Elfin wieder. Doch im selben Moment jagten zwei weitere dieser Wesen, neben der am Baum stehenden, und im Vergleich lächerlich kleinen und fehlerhaften Gestalt vorbei, ohne sie zu beachten. Auch sie waren sofort wieder verschwunden, doch ihre Gesichter waren mit einer gefährlichen Maske verziert.
Minuten vergingen, bis die Zwergin einen klaren Gedanken fassen konnte. Als sie sich sicher war, dass die bedrohlichen Gestalten weit genug weg waren, packte sie grob das Leder und rann los. Ihre kurzen Beine peitschten ungeschickt über den Waldboden. Immer wieder versuchte sie Zweige von Sträuchern von sich weg zu halten, doch sie trafen sie an ihren Schultern, zerrten an ihren Haaren und ihrer Kleider. Viele von ihnen kratzen auch über ihr Gesicht, doch dies war alles unwichtig.
Ich lebe. Ich lebe. Diese. Diese Monster haben mich verschont. Ich bin nicht tot. Es geht mir gut. Ich lebe.
Ihre Schritte wurden erst langsamer, als sie begann sich sicher zu fühlen. Dieser Waldabschnitt war ihr wesentlich bekannter. Es hatte etwas Beruhigendes an sich, in einer bereits bekannten Umgebung zu sein. Ihre Hände zitterten noch, als sie sich vorsichtig umsah und ihre Beine begannen immer schwerer zu werden. Sie sah sich um und lenkte ihren Gang zu einer Gruppe junger Bäume, deren Äste noch tief lagen und voller saftigem Grün waren. Keuchend setze sie sich zu ihren Wurzeln und lockerte ihren verkrampfen Griff um ihren Beutel. Bedauernd sah sie auf die Pflanzen darin. All ihre Mühe umsonst.
Ihre Gedanken begannen sich auf ein neues zu überschlagen, doch dieses Mal, in irgendeiner Form, geordneter.
Diese Elfe, sie hat mich gesehen. Sie hätte mich töten können. Wieso hat sie es nicht getan? An irgendjemanden erinnert mich ihr Gesicht. Es kam mir so vertraut vor. Als hätte ich es schon oft gesehen, aber. Das kann nicht sein. Sie ist eines dieser Monster. Aber war das ein Lächeln auf ihren Mund, als sie weiter lief?

Kapitel 2
Wo kann sie nur sein? Sie kann doch nicht so einfach verschwinden? Dazu wäre sie nie in der Lage, dafür ist sie einfach noch zu jung. Versteckt sie sich vielleicht?
Unbändige Wut und tiefe Frustration mischten sich unter seine Gefühle. Jede Fassung war nun von seiner Miene gewichen und lies ihn zurück wie ein offenes Buch, indem jeder blättern konnte.
Ein kaum hörbares Knacken war zu hören. Seine Beine glitten mit großen Schritten fast stumm über den Waldboden. Sanft streifen seine Füße die Pflanzen am Boden, doch verletzen sie nicht. Die Äste der Bäume schienen ihm auszuweichen, denn keiner von ihnen berührte seine helle Haut. Die Schatten der Bäume flogen weiter an ihm vorbei, während er durch den Wald lief. Jeder Muskel seines Körpers war gespannt, doch nicht aus Anstrengung.
Stunden, wenn nicht sogar Tage, beschäftigten ihn die Suche nach ihr bereits. Seither waren sein Geist und seine Sinne mit nichts anderem mehr beschäftigt. Alles andere war in seinen Augen unwichtig, es gab nur diese eine Aufgabe mehr.
Sie Sonne stand hoch, doch das dichte Blätterwerk der alten Bäume lies nur wenig grünliches Licht durch die Kronen fallen. Unaufhörlich schien er alles nach ihr zu durchsuchen. Keine Bewegung entging ihm. Jede Spur in der Erde wurde von seinem Blick durchbohrt und in seinen Gedanken auf sie geprüft. Ihm durfte nichts entgehen, keine Unwichtigkeit.
Selbst die Unwichtigkeiten des Treibens der Feen oder Trolle entgingen ihm nicht. Doch dafür interessierte er sich nicht. Es gab nur ein einziges Wesen, auf dem seine Aufmerksamkeit lag.
Wo war sie? Versteckte sie sich wirklich? Lief sie weg? Ihre Spur müsste leichter zu verfolgen sein, aber die einzige Spur verlief sich bisher im Nichts. Sie müsste viel auffälliger sein, sie ist nicht so geschickt, oder doch? Könnte es sein, dass ich sie falsch einschätze? Vielleicht war sie an Valdis geraten …
Seine Bewegungen erstarrten plötzlich. Blitzschnell überstrichen unterschiedliche Emotionen seine Wangen und ließen ihn, für unsagbar lange Sekunden, hilflos erscheinen. Doch die Fassung umhüllte sein Gesicht auf ein Neues. Nur seine stechenden, blauen Augen waren erfüllt mit tobender Wut. Die Sinnlosigkeit seines Handelns wurde ihm schlagartig bewusst.
Minuten lang starrte er regungslos zwischen die Bäume. Das weiche Licht fing sich in seinem Haar und hinterließ auf ihm eine uralte Autorität. Sein Oberkörper war nackt, sodas auch hier das grünliche Licht seiner Haut eine merkwürdige Gestalt gab. Eng an seinen Rücken geschmiegt, waren seine Flügel, die ihm ein engelgleiches Abbild verschufen. Der Wind zerrte leicht an seinen kurzen goldbraunen Haaren.
Mit einer eleganten Bewegung drehte sich der Elf herum und lief nun, langsamer, mit großen Schritten zurück. Ein Lächeln legte sich über seine Lippen und seine Augen begannen zu strahlen.
Seine Gedanken hatten sich gelegt. Obwohl es immer noch sein Verlangen war, sie so schnell wie möglich zu finden, wusste er doch, wo er auf sie warten konnte. Sie würde zurückkehren, er bräuchte nur warten.

Kapitel 3
Mit einer tiefen inneren Ruhe sah sie ihrem Bruder zu, wie er über die Lichtung tollte. Seine schnellen und wilden Bewegungen erschreckten sie nicht im geringsten.
Die Elfin war gegen einen Baum gelehnt und ihr blondes Haar, über das die Sonne einen goldenen Glanz legte, fiel ihr leicht ins Gesicht. Ihre Augen ruhten auf der jungen Gestalt auf dem Waldboden vor ihr.
Ein dunkler Schimmer umgab ihn, während seine Arme wild durch die Luft ruderten. Ein plötzlicher Wind kam auf und umgab den Jungen. Heftig peitschte die Briese an ihm, riss an seiner Kleidung und an seinen blonden, langen Haaren, bis sie ihm wild und ungebändigt vom Kopf wegstanden. Schweiß rann über seine Stirn, aber seine Hände hörten nicht auf mit den beschwörerischen Figuren in der Luft. Auch seine Beine stimmten nun in diesen Tanz mit ein.
“Von dir kann ich ja noch einiges lernen”
Ein kurzer, erstickter Schrei hallte über die Lichtung. Starr vor Schrecken und mit zusammengebissenen Zähnen sah die Elfin am Baum hoch. Neben ihr, am Baumstamm, lehnte ebenfalls ein Wesen ihrer Art.
Der Tanz des Jungen wurde ebenfalls gestört. Keuchend vor Anstrengung blickte er auf die Gestalt. Der Schleier wurde allmählich zu einem zähflüssigen Nebel. Bis er immer weiter zu Boden sackte und eine dunkle Flüssigkeit sich um ihn sammelte. Kein Hauch strich über die Lichtung.
“Du hast sie aber ganz schön erschreckt, deine Fortschritte werden mich noch richtig neidig machen, wenn du so weiter trainierst.”, sagte der Junge mit einem Lachen, das seine zuerst so ernste Maske auflockerte.
“Dabei habe ich gar nicht trainiert.”, lächelnd trat sie einige Schritte aus dem Schatten der Bäume.
Die erschrockene Elfin hatte sich nun wieder gefasst und schüttelte kurz die Überraschung vom Gesicht, bevor sie sich erhob. Ihr prüfender Blick glitt über das Wesen, als sie die Narben sah.
“Hast du noch Wunden, die versorgt werden müssen?” Ihr Ton war ernst, aber nicht besorgt. Die ersten Male machte sie sich große Sorgen, als die Narben und Verletzungen immer schlimmer wurden. Aber um diese Gestalt musste man sich keine Sorgen machen, sie hatte etwas Besonderes.
Ein kurzes Auflachen war zu hören, danach drehte sich die Gestalt mit einer tanzenden Bewegung um. Ihr Gesicht war von frischen, aber nicht all zu tiefen Kratzern bestückt, doch ihre Augen strahlten fröhlich.
“Sivera, ich würde es mir doch nie erlauben, verletzt zurück zu kommen.”
Der Junge stand nun neben ihr, erst nun sah man, dass er um zwei Köpfe kleiner war, als die anderen beiden. Er war erst ein Kind, doch in seinen Augen war die Erfahrung des Alters bereits zu sehen.
“Ihr vorwurfsvoller Blick, wenn Blut über deine Haut strömt, ist schlimmer als der Schmerz.”, erwiderte er kurz und die beiden begannen zu lachen.
Doch ihr war nicht nach Lachen. Ihr Blick haftete immer noch an diesem Körper. Die Wunden, die immer mehr wurden und nie wieder völlig verheilen würden. Dieser Anblick löste in ihr so viele Gefühle aus. Die Bilder ihrer Eltern flammten für einen Moment auf. Ihre Körper sahen genau so aus.
“Sias. Tai.” Die junge Stimme erhob sich kalt und hart über die Lichtung. Das Lachen verstummte und die Mienen wandelten sich in ernstere Gesichter.
Stille breitete sich über Minuten aus und die Gesichter betrachteten sich stumm. In der Ferne war der fremde Gesang von unterschiedlichsten Kreaturen zu hören. Flüsternde Stimmen drangen durch den Wald zu ihnen und verschwanden ebenso, wie sie gekommen waren. Alles rund um sie war von Leben erfüllt.

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