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Wächter Serie – Kapitel 4-6

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Zu Kapitel 1-3

Kapitel 4
“Mir ist eine perfekte Trainingsmethode eingefallen.” Mit ungezügelter Begeisterung brach der noch sehr junge Elf die Stille. “Geistige Fähigkeiten, sowie perfekte Kampfbewegungen sind erforderlich. Kein Moment der Unachtsamkeit darf über dich kommen.”
Seine große Schwester schien von einem Moment auf den anderen jegliche Anspannung verloren zu haben und setze sich wieder zu dem Fuße des Baumes, an dem sie zuvor saß.
Während bei Tai ein wissbegieriger Schimmer in den Augen lag.
Zufrieden betrachtete er diese Tatsache und war stolz auf sich und seine Einfälle.
Aus einer kleinen Tasche an seiner Seite holte er acht kleine silberne Glöckchen hervor. “Ich habe sie vor einiger Zeit gefunden. Sie sind wunderschön nicht?”
Fasziniert sah er auf die kleinen Gebilde und betrachtete die Sonne, die sich in dem glatten Material spiegelte. Liebevoll streichelte er eines von ihnen sanft mit seinem Finger. Nachdem er sie still betrachtet hatte, band er je zwei an ein ledernes Band. Ruhig beobachtete die Elfe vor ihm jede seiner Bewegungen.
Als er ihr zwei der Bänder hinhielt, zögerte sie kurz, bevor sie die Glöckchen nahm. Ihr süßliches Klingen kombinierte sich mit dem rascheln, der Blätter, der Bäume und schuf eine unsagbar wundervolle Melodie. Unglaubwürdig starrte das Mädchen auf das Wunder in ihren dürren Händen. Mit einem Schütteln ihrer Hand, entlockte sie ihnen noch mehr Töne. Die Melodie war nun lauter zu hören und lies alles um sie verstummen. Es schien als wolle sich nichts mit diesen göttlichen Tönen messen.
“Wenn du siegst, schenke ich dir diese.” Um seine Worte zu unterstreichen, wies er mit seiner Hand auf die Instrumente zwischen ihren Fingern. Lächelnd sah sie ihm in die Augen. “Und was sind die Regeln?”
Er erwiderte ihr lächeln und begann zu erklären. “Es ist ganz einfach. Binde dir die Glöckchen um die Fußgelenke. Wir kämpfen, bis einer von uns aufgibt oder dieses Lied uns zum Aufhören zwingt.” Während er sprach, wurde sein Lächeln immer breiter und er grinste nun bereits höhnisch.
“Sie dürfen also nicht klingeln?”, fragte das Mädchen, als sie sich bückte um sich das Band um ihre Füße zu schlingen.
“Genau. Das sind die einzigen Regeln.”
“Ich nehme an du hast geübt?”
“Das könnte durchaus sein.” Der Unterton in seiner Stimme war nicht zu überhören. Er hatte nicht nur geübt, er war sich sogar siegessicher.
Die Elfin richtete sich ernst auf und sah ihn an.
“Ich habe währenddessen nicht geschlafen.”
“Das ist mir bewusst, aber fangen wir nun an oder nicht?”, auch er wurde nun ernst.
Ein kurzes Nicken bestätigte ihm, das sie bereit war und im nächsten Moment standen beide einige Meter entfernt. Das Mädchen kniete auf der Erde und hielt mit ihren Händen die Glöckchen fest umschlungen. Aber Sias stand aufrecht und blickte lachend zu ihr herab. Kurz darauf hatten sie bereits in einer unglaublichen Geschwindigkeit die Positionen gewechselt und standen sich erneut, in einigen Metern Abstand, gegenüber. Dieser Zweikampf wiederholte sich einige Male, bis er an ihr eine Veränderung bemerkte. Sofort passte er sich ihrem Verhalten an.
Der Junge hielt nun einen deutlich größeren Abstand und blickte sie interessiert an.
Sie ist unglaublich. Ich habe Stunden gebraucht um mich, ohne die Glöckchen zu halten, so schnell zu bewegen. Aber ihre Bewegungen sind noch nicht perfekt, das ist meine Chance.
Wind kam rings um sie auf, Blätter, kleinere Äste und Staub wirbelten mit ihm in der Luft. Der Wind ließ ihnen immer weniger Platz, sodass der Abstand zwischen ihnen sich verringerte. Der junge Elf vollführte wie bei einiger Show einige aufwendige Handbewegungen, bevor er auf sie losstürmte. Seine Bewegungen waren perfekt geplant. Im nächsten Moment peitschte der Wind hinter ihm über die Erde.
Ich brauche sie nur aus der Fassung zu bringen, ich schneide ihr den Fluchtweg ab und sie wird …
Ein lautes Krachen war zu hören und ein Körper prallte gegen einen Baum. Unförmig sackte er zu Boden, die Glöckchen fest, mit den Fingern, an die Beine gepresst. Ein Stöhnen war zu hören und der Junge blickte vom Erdreich zu seiner Rivalin, in der Mitte der Lichtung, auf. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.
Zufrieden betrachtete er wie ihr Körper plötzlich erfasst wurde, spielend in die Luft geworfen würde und sich drehte. Ihre Hände klammerten sich an ihre Knöchel und drückten das Metall dagegen. Ein weiterer Stoß erfasste sie. Ihr braunes Haar peitschte ihr ins Gesicht, ihre Kleidung drückte sich eng an ihren Körper. Um Gleichgewicht zu finden, spannten sich ihre Flügel, doch ein weiter, unberechenbarer Hieb des Windes, erfasste sie.
Ihre Gestalt stand einige Meter vor ihm am Boden und eine sanfte, liebliche Melodie stimmte in das Heulen des Windes ein.
Gewonnen.
“Du hast ziemlich lange geübt oder?”
Langsam richtete er sich auf, keuchte noch einmal und hielt sich die Seite. Aber sie wartete nicht auf seine Antwort.
“Diese Technik ist unglaublich. Aber sie legt sehr viel auf den Überraschungseffekt.”
“Ein zweites Mal wird er wohl nicht klappen oder?” Ein kleines Lächeln lag in seinem Gesicht, als er zu Wort kam.
“Nein.”
“Ich muss aber zu geben, dass du besser bist, als ich dachte. Ich hatte eigentlich vor, dich in diese Winde zu stoßen.” Mit einem schmerzverzerrten Gesicht rieb er seine linke Seite.
“Aber schlussendlich hast du doch aufgegeben.” Zufrieden blickte er in ihr Gesicht, doch sie lachte fröhlich. Es war nicht die Reaktion, die er sich erhofft hatte.
“Hätte ich es nicht getan, wäre ich wahrscheinlich viel unsanfter an einem Baum geraten als du.”
Sias ließ sich von ihrer Laune anstecken und stimmte in ihre Lachen ein.
“Wir müssen weg.”, ihre Stimme zitterte leicht, als sie neben ihnen auftauchte.
Beide verstummten sofort und sahen Sivera ernst an.

Kapitel 5
Schon eine ganze Weile beobachtete er sie. Vorsichtig duckte er sich hinter den Blätter beladenden Zweigen, wenn sie sich rührte und lugte hervor, wenn ihr Kopf sich von ihm weg drehte.
So etwas hatte er schon lange nicht mehr gesehen. Die kleine Gestalt saß ruhig auf einem Stein und lies die Füße herab baumeln. Fröhlich summte sie ein Lied, während rund um den Stein ein kleines Gewässer sie dunkel anfunkelte. Die Sonne stand bereits so hoch, dass ihre senkende Hitze bis zum Erdboden reichte, obwohl das schützende Blätterdach kaum Löcher ließ.
In ihren kleinen schlaksigen Händen hielt das Wesen einen flachen Stein und drehte ihn immer wieder zwischen den dünnen Fingern oder rieb ihn an den schmutzigen Handflächen. Mit ihren langen, hängenden Schlappohren wackelte sie zur immer lebhafteren Musik. Hin und her. Ihr Körper wippte dabei leicht mit und ihre Füße streckte sie weiterhin fröhlich zappelnd dem Wasser entgegen.
Ihre Grimasse war von einem breiten Grinsen durchzogen, sodas manchmal ihre spitzen kleinen Zähne zum Vorschein kamen. Mit einem zerfetzen und immer wieder zusammengeflickten Band, hielt sie ihre braunen, zerzupften Haare zurück. Auch ihr sommerliches Kleid war in keinem anderen Zustand. Die Farbe glich beinahe ihrer dunklen Haut so erdverschmiert und fleckenreich war es.
Immer noch fassungslos beobachtete er die kleine Trollin. Ihr Gesang riss ihm beinahe mit, so sehr versprühte er das Verlangen fröhlich zu sein und zu tanzen. Doch obwohl seine Ohren genau so im Takt schwangen wie ihre, blieb er immer noch verdeckt.
Interessiert sah er zu, wie die kleine Gestalt sich erhob und wild hin und her schwankte. Einen kurzen Moment verlor sie den Boden unter den Füßen.
Mit vor Schrecken aufgerissenen Augen stellte er erleichtert fest, dass sich die Trollin noch fangen konnte, bevor sie ins Gewässer stürzte.
Sie tänzelte wild und unbeholfen mit den Armen umher. Er genoss es ihr zu zusehen. Sie war so fröhlich, so ansteckend fröhlich. Ein wundervolles Wesen.
Doch abrupt blieb sie stehen. Mit voller Konzentration starrte sie das ruhige Wasser an und mit einer geschickten Handbewegung schmiss sie den Stein.
Bewundern sah er zu, wie das Gestein hüpfend über das Wasser sprang, bis es fast den sicheren Waldboden erreicht hatte. Doch es ging unter.
“Das war toll!”, seine Stimme klang zittrig, obwohl es ihm nie etwas ausgemacht hat, mit Fremden zu reden.
Lachend drehte sie sich zu ihm um. Zum ersten Mal sah er ihr Gesicht nun ihn voller Pracht. Ihre Augen strahlten ihn glücklich an, als wäre es das größte Lob, das sie je bekommen hat.
“Er hat es leider nicht ganz über das Wasser geschafft.” Bedauern lag in ihrer Stimme und für einen kurzen Moment drehte sie sich um. Ihr Blick ruhte auf der Stelle, wo der kleine Stein ins Wasser tauchte und wohlmöglich nie wieder auftauchen würde.

Jetzt wo er sein Versteck verlassen hatte, packte ihm die Neugierde und die Worte sprudelten ihm nur so über die Lippen.
“Hast du gar keine Angst? Ich mein das Wasser. Hast du keine Angst davor?”
Ein glucksendes Kichern war von ihr zu hören, als sie ihm wieder ansah. “Vor dem Wasser Angst haben?”
Aber wieso hat sie keine Angst? Ich versteh es nicht. Kann sie vielleicht so wie der Stein darüber hüpfen? Oder fliegen wie die Feen? Ja, Feen haben keine Angst vor Wasser. Aber wo sind ihre Flügel? Nein das geht nicht. Ich habe noch von keinem Troll gehört, der Flügel hat oder gar über das Wasser springen kann, als wäre es trockene Erde.
Hat ihr niemand gesagt, das Wasser tötet? Das, wenn man hineinfällt, nie wieder hinauskommt? Nein, das kann auch nicht sein. Jeder weiß das, sogar die ganz Kleinen. Das weiß man von Geburt an. Wasser tötet. Aber vielleicht sind es doch Feen, die ihr helfen. Gab es nicht einmal einen Troll, der von Feen über das unendliche Wasser geflogen wurde? Vielleicht war sie dieser Troll? Nein, wo sollen sich die Feen denn verstecken? Hier sind keine. Außerdem ist diese Geschichte erfunden, Feen sind zu klein. Feen können nicht einmal einen Stein heben. Sie sind zu schwach. Aber wie hat sie das gemacht? Vielleicht kann sie doch hupfen, wie der Stein.
“Über was denkst du den nach?” Ihre Stimme war ganz nah, die Trollin stand nur wenige Schritte von ihm entfernt. Erschrocken zuckte er zusammen. Er war so in das Nachdenken vertieft, dass er nicht bemerkt hatte, wie sie zu ihm gekommen war. Über das Wasser zu ihm gekommen war.
Verwirrt sah er zum kleinen Felsen. Er stand Ufernähe des Sees. Einige Schritte trennten ihn vom Waldboden. Das Wasser lag immer noch ruhig und schwarz dazwischen.
“Wie, wie.” Stotternd starrte er auf den Stein und dann ihn ihr lachendes Gesicht.
“Wie bin ich was?” Kichernd sah sie in sein verwirrtes Gesicht.
“Wie bist du über das Wasser gekommen?”
Verblüfft sah sie ihn an. Stille trat kurz zwischen sie, bis er weiter sprach. “Kannst du auf dem Wasser hüpfen?”
Die wacklige Trollin konnte sich nicht mehr auf ihren Beinen halten, lachen fiel sie zu Boden. Ihr schalendes Gelächter legte sich über das Gewässer und hallte leise von den Bäumen wieder.
“Auf dem Wasser hupfen?”
Tränen stiegen ihr vor Lachen in das Gesicht. Ihre Arme schlangen sich um ihren Körper. Nach einiger Zeit ertönte ihre Stimme zitternd, mit einem fröhliche Unterton: “Siehst du den Baum da?”
Ihre Hand löste sich von ihrem Körper und wies an einem Baum, welcher dicht am Ufer stand. “Seine Äste reichen über den See. Ich hab mich einfach rüber gehangelt!”
Verdutzt stellte der Troll fest, dass sie recht hatte. Ein Ast hing tief genug um sich an ihm festzuhalten und irgendwie zum Stein zu gelangen. Wieso hatte er ihn bis jetzt noch nicht bemerkt?
Aber das Erklärte immer noch nicht, wieso sie keine Angst hat, vor diesem nassen Tod.

Kapitel 6
Hupfend springt das zarte Wesen über den Ast. Sein silbernes Haar weht in der zarten Briese, während er in grünes Blattlicht getaucht ist. Unterstützend schwingen seine gläsernen Flügel bei jedem Sprung und verleihen ihm ein athletisches Aussehen. An sein weißes Gewand gedrückt, hält er eine Blumenknospe, eng an sich gedrückt.
Am Ende des Astes angekommen, breiten sich seine Flügel weit aus und er setz zum Flug an. In seinen zerbrechlich wirkenden Schwingen bricht sich das Licht majestätisch, während sein Körper sich in die Luft schwingt. Schnell huscht das Grün der Blätter an ihm vorbei und mit ihm die Äste dieser riesigen Bäume. Mit einem eitlen Blickt sieht er an sich erhab und stellt zu seiner Befriedigung fest, dass die rötliche Knospe perfekt mit seinem Aussehen harmonierte.
Hart schlug etwas gegen seinen Körper. Ein heller, schriller Schrei entkommt seiner Kehle, als seine Flügel geknickt wurden. Wild kämpfte er mit der Dunkelheit, die sich um ihn ausbreitete. Seine Hände wurden jedoch an seinen Körper gepresst, wehrlos war er nun ausgeliefert. Entsetzt nahm er die Wärme um sich war und schrie weiter aus vollem Hals.
Hasserfüllte Blicke warf er diesen großen Augen, die vor ihm auftauchten, zu. Eine leise fremde Stimme war zu hören, doch das interessierte ihn nicht. Panisch schlug er seinen Kopf gegen die Gewalt, die ihn festhielt. Sein Körper wand sich weiter zitternd in der Dunkelheit, bis die plötzlich Sonne ihn erstarren lies. Verwirrt sah er sich um.
Licht? Blau. Himmelsblau. Grün. Das Grün der Blätter. Ein weiter Teppich dieser Farbe, ein sehr weiter Teppich. Aber diese Wärme, was?
Angewidert sah er, dass er auf einer großen, offen gehaltenen, Hand saß. Sein kleiner Körper wirkte in ihr unwichtig und verloren. Voller Hass und Abscheu sah er das Wesen an, welches ihn gefangen hatte. Die großen Augen betrachteten ihn nicht, ruhig sahen sie in die andere Hand. In ihr lag die Knospe.
Immer wütender starrte er die Gestalt an. Diese helle Haut und die braunen langen Haare, sowie die spitzen Ohren hätten ihn in einer anderen Situation vor Neugierde zerspringen lassen, aber er war gefangen worden. Es war eine Schande sich fangen zu lassen, er war frei und niemand durfte nahm ihm seine Sachen weg nehmen. Aber dieses Wesen hatte seine wundervolle Knospe.
Voller Schreck starrte er plötzlich auf die Knospe. Er hatte sie gepflückt, und wenn er nicht auf sie aufpasste, würde sie sterben. Traurig sah er, wie sie bereits zu verwelken begann. Es schien als würde der innere Glanz immer weiter verloren gehen und nun war es selbst für ihn zu spät, etwas daran zu ändern.
Ein merkwürdiger Laut war zu hören, instinktiv zuckte er zusammen. Die großen Augen waren auf ihn gerichtet. Auf dem Gesicht des gigantischen Wesens breitete sich ein Lächeln aus und die Augen wandten sich wieder der Pflanze zu. Unwillkürlich folgte er diesem Blick und sah, wie die Knospe wieder auflebte. Wie sie sich zu strecken schien, wie erleichtert sie über das Leben was in ihr floss.
Vorsichtig setze das Wesen ihn mit seinem Besitz ab und verschwand daraufhin im Blattgrün. Kurz sah er dieser Gestalt noch verächtlich nach, bevor er die Knospe wieder an sich drückte. Mit kurzen, prüfenden Blicken betrachtete er seinen Körper, ob etwas an ihm verletzt war. Erneut erleichtert stellte er fest, dass nichts von seiner Pracht verloren war.
Übertrieben elegant breitete er seine Flügel aus, drehte noch kleine Kreise und Purzelbäume in der klaren Sonne, welche sich sofort in seinen Flügeln fing, bevor auch er darauf im Blattmeer verschwand.

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