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Wächter Serie – Kapitel 7-8

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Kapitel 7
Von allen Seiten starrten Augenpaare auf ihn. Keine seiner Bewegungen waren unbemerkt geblieben, seitdem er unter seines Gleichen war, doch niemand hat auch nur ein Wort an ihm gerichtet. So geniest er weiter die stille Aufmerksamkeit und begibt sich unter ihren Blicken zum Zentrum, ein riesiges Kokon ähnliches Gebilde. Öffnungen schmückten es auf allen Seiten und Höhen. Absätze, Terrassen und Treppen zieren es reichlich neben den Eingängen. Das eng und perfekt geflochtene Material weißt alle Töne des Waldbodens auf.
Körper drängen sich an den Eingängen und auch ihre Blicke waren ebenfalls auf ihn gerichtet. Einen kurzen Moment lässt auch er seinen Blick über die Mengen schweifen und genießt es in vollen Zügen.
Endlich schenkt man mir die Aufmerksamkeit, die ich verdient habe. Ich bin anders als ihr. Ich bin perfekt.
Anmutig kam er an, legte eine Hand sanft auf eine kahle Stelle im Gebilde. Erst dann nahm er die Knospe und webte sie in den Bau ein.
Als ob sie aus einem tiefen Schlaf erwacht ist, öffneten sich ihre Blütenblätter, bildeten dünne Fäden, die sich wie von selbst, in das Mauermaterial einflossen. Zufrieden betrachtete er, wie die roten Fäden sich an ihren Platz legten und langsam begannen sich braun zu verfärben. Gebannt sah er, wie die Farbe immer dunkler wurde, bis man sie schlussendlich kaum mehr von den anderen unterscheiden konnte.
Plötzlich zuckte er zusammen. Hastig drehte er sich um und sah in die Menge, die ihn anstarrte. Ein Feenmädchen fiel ihm sofort ins Auge. Sie saß auf einem Ast und lächelte ihm zu, während der Wind sich mit ihrem braunen Haar spielte.
Sie kommt mir so bekannt vor. Woher kenne ich sie nur? Ach, was mache ich mir für Gedanken? Wahrscheinlich beobachtet sie mich öfter. Wer tut das nicht? Ich würde es auch tun.
Lächelnd überprüfte er abermals sein Aussehen, bis ihn jemand auf der Schulter berührte.
“Ich kann es nicht glauben. Aber. Aber du bist es. Du bist es tatsächlich!”
Verdutzt drehte er sich zu seinem Gesprächspartner. Eine junge Fee stand vor ihm. Er kannte sie, obwohl ihm ihr Name entfallen war. “Was meinst du?”
“Der Besondere. Der Auserwählte. Die Legende! Du weißt, doch was ich meine, oder nicht?” Immer und immer wieder hallten ihre Worte in seinem Kopf.
Natürlich, wieso war es mir nicht früher aufgefallen? Ich bin der Auserwählte, der aus der Legende, ich bin tatsächlich etwas Besonderes. Ich habe es immer, immer gewusst. Derjenige mit unvorstellbarer Macht. Mächtiger als jeder hier, mächtiger als die Königin. Ich hoffe ich mache ihnen keine Angst.
“Komm, schnell!”, sie zerrte an seinem Arm. Ihr hüftlanges, goldenes Haar war durchzogen von silbernen Strähnen. Ihre Hand umklammerte ihn zärtlich, während ihre blauen Augen auf ihm ruhten. Neugierde und Ehrfurcht waren in ihnen zu sehen. Es gefiel ihm sichtlich, so angesehen zu werden. Aber unwillkürlich musste er seinen Blick abwenden. Das Mädchen mit den braunen Haaren war nun näher gekommen, sie schien sich über etwas zu amüsieren. Immer weiter wurde er von ihr weg gezogen. Sein Blick ruhte noch kurz auf ihr, bevor er sich wieder dem hektischen Wesen zuwandte, das ihn durch einen Eingang des Gebildes zerren wollte.
“Lass mich los.” Seine hohe Stimme erhob sich über die Menge. Als hätte er ein Gesetz laut ausgesprochen, lies sie ihn los, trat einen Schritt zurück und sah ihn etwas ängstlich an. Die anderen Wesen folgten ihrem Beispiel und taten es ihr gleich. Stolz und möglichst elegant schwang er seine Flügel und flog nun selbstsicher durch den Eingang in den Palast der Königin.

“Der Auserwählte?”, eine prachtvoll gekleidete Fee stand inmitten eines hallenartigen Raumes und zog, gedankenversunken, eine Augenbraue hoch. Mit heftigem Nicken bestätigten einige anwesenden Wesen diese Frage, sie hielten immer noch einen Abstand zu ihm.
Stolz trat er vor das Oberhaupt dieser Gesellschaft, strich mit seinen Fingern durch seine Haare, erst als er seinen Kopf leicht zur Seite geneigt hatte und einen perfektes Lächeln aufgesetzt hatte, begann er zu sprechen: “Ja, ich bin der Auserwählte, auf den ihr so lange gewartet hab. Mit unglaublichen Kräften und einer wichtigen Aufgabe.”
Im Hintergrund stand, an der Wand gelehnt, eine Fee, die lächelnd auf das Gesehen sah. Ihr Blick wanderte über die Menge, die sich im Saal versammelt hatte und immer wieder zum Auserwählten zurück. Außer ihr war jeder ernst.
Mit Ausnahme der Königin. Auch ihre Lippen wurden von einem Lächeln umspielt. Mit autoritärer Stimme sprach sie so laut, dass ihre Stimme von den Wänden wieder hallte und jedes ihrer Wörter einen besonderen Unterton vermachten: “Vor Jahren nahm mich meine Vorgängerin auf die Seite und vertraute mir eins an, der Auserwählte wird kommen, aber es wird keiner von uns sein.” Nun wurde sie ernst. “Du kannst also nicht der Auserwählte sein.”
Enttäuschung ging durch die Runde. Ein Stimmengewirr erhob sich und einige verlangten, das Wissen der Identität dieses besonderen Wesens.
Das kann nicht sein. Ich muss der Auserwählte sein. Ich bin besonders. Bin ich nicht perfekter als andere? Mein Glanz, meine Macht? Es steht mir zu, der Auserwählte zu sein.
“Beruhigt euch. So beruhigt euch.” Ihr anfängliches, königliches Auftreten schwand von Sekunde zu Sekunde und ihre Stimme ging im Meer der vielen Wörter fast unter. “Wir werden ihn erkennen, wenn er da ist. Ich glaube es wird nicht mehr lange dauern.”
Plötzlich überkam es ihn wieder. Er drehte sich um. Sein Blick fiel sofort auf diese außergewöhnliche und ihm so bekannte Fee. Ihr Blick war fest und ihre Miene ernst. Ohne zu zögern, drehte sie sich um und verschwand aus der Halle. Minutenlang starrte er ihr hinterher.
“Ajax, was ist den?”, das Feenmädchen, das ihn als Auserwählten erkannt haben wollte, stand wieder neben ihm.
Sie kennt meinen Namen, wieso ist mir ihrer entfallen? Ist es mir denn egal, wie sie heißt?
“Es ist nichts. Ich war nur abgelenkt.”
“Dann lass uns gehen.”
Schweigend verschwand er, an ihrer Seite, in den Gängen und Gewölben des Feen Palastes.

Kapitel 8
Mit erstarrtem Gesicht steht Sivera an einem Baum gelehnt. Ihn ihrem langen Haar hatten sich kleine Äste und Blätter verfangen. Der kühle Wind blies ihr ins Gesicht. Ihre Haut war von zart rosa Kratzern und Schnitten übersät. Ein kleiner Tropfen roten Bluts rann über ihre Wange.
Stumm bildeten ihre Lippen immer wieder Worten und verloren sie wieder. Ihr Gesicht begann sich zu einer schmerz erfüllten Maske zu verziehen und während ihre blauen Augen auf einen Körper, einige Schritte von ihr entfernt starrte.
Nein. Sias. Wieso hast du das getan? Wie unsere Mutter. Wie unser Vater. Der Tod ist nicht edel! Wieso hast du es getan!
Vor ihren Augen begann alles zu verschwimmen. Salzige Tränen wischten das Blut von ihrem Gesicht, als die taumelnd zu ihrem Bruder wankt. Zitternd kniet sie sich in die dunkle Flüssigkeit. Vorsichtig beugt sie sich über ihn und streicht über seinen Kopf. Ihre Fingerspitzen färbten sich mit einem nassen Rot.
Schluchzend begann sie die Arme um seinen Körper zu legen. Seine einst so wunderschönen goldenen Haare waren nun feucht und das Rot verklebte sie zu dicken Strähnen, welche sich eng an seinen Kopf und an seine Kleidung legte. Der wenige Stoff, der noch seine blasse und kalte Haut bedeckte, war in Fetzen gerissen und mit dunklem Blut gefärbt.
Ihre Hände packten ihn vorsichtig an seiner Seite und drehten Sias zu ihr. Sein Kopf hing zur Seite, von seinen Haaren verdeckt, konnte sie sein Gesicht nicht erkennen.
Als sie seinen zweiten Arm fassen wollte, keuchte sie auf. Wo der Unterarm ihres Bruders war, klaffte nun die Leere. Tiefe Schnitte hatten jedoch auch den Rest des linken Armes bis zur Verunstaltung verzerrt.
Was haben sie dir angetan? Wieso dir? Was hast du getan, dass … dass sie dir das Antun mussten? Sias. Ich hätte dich … beschützen müssen. Ich hätte sterben müssen. Wieso du? Wieso müsstest du sie suchen. Wieso musstest du in den Tod laufen! Wieso hast du mich allein gelassen, wie unsere Eltern!
Längst hatte sie alles um sich vergessen. Es gab nur mehr den Schmerz in ihrer Brust und ihren kleinen Bruder in ihren Armen. Es war ihr egal, wenn das Gefolge des Königs zurückkommen würde, um sie zu töten. Sie wünschte sich nichts mehr. Ihrem Bruder zu folgen.
In ihrem Kopf drehte sich alles. Sie wusste bereits nicht mehr, wo sie war. Ob die saß oder lag. Verschwommen konnte sie seinen Kopf noch erkennen. Zitternd drehte sie ihn zu sich. Ein leises, schmerzvolles Stöhnen lies sie zusammenzucken. Hoffnungsvoll strich sie die Haare aus dem kleinen Gesicht.
Müde sahen sie zwei Augen undeutlich an. “Du lebt.”, ihre Worte waren nur ein Flüstern. Fester umfasste sie seinen Körper, aus Angst, dass wenn sie ihn los lies, er sie verlassen würde.
“Es wird alles gut. Ich … ich werde dich …”, ihre Worte erstarben langsam. Das Stöhnen aus seinen Lippen war erstarrt. Seine Augen schlossen sich langsam.
“Nein! Du darfst das nicht!”, schreiend schüttelte sie seinen Körper. “Mach deine Augen auf! Du wirst nicht sterben! Der Tod kann dich nicht nehmen. Ich bin da! Du wirst nicht wie Mutter und Vater von mir gehen!”
Ihre Stimme war hoch und unkontrolliert. Die Bäume schlugen die Wörter wütend zu ihr zurück. Hilflos schrie sie weiter. Immer weiter.
Er darf nicht sterben … nicht so. Er … Sias!
Plötzlich sackte sein Körper zu Boden. Ihre Hände hatten ihn losgelassen. Panisch sah sie zu, wie er sich von ihr entfernte. Aus ihrer Kehle stiegen unzählige Schreie hervor. Taubheit durchflutete ihren Körper. Zitternd versuchte sie ihre Hand nach ihm auszustrecken, aber irgendwas hielt sie davon ab.
Nein. Ich will bei ihm bleiben. Sterben. Mit Sias. Sias. Nein. Verlasse mich nicht. Bitte. Bleib bei mir.
Erst jetzt bemerkte Sivera, das nicht ihr Bruder sich entfernte, sondern sie. Jemand hatte sie gepackt. Meter trennten sie bereits von ihm. Sie musste zurück.
Seine Augen. Er lebte sicher noch. Ich muss zurück. Ihm helfen oder … oder mit ihm sterben.
“Er ist Tod. Du kannst ihm nicht mehr helfen.”, ruhig und bestimmt hallte die Stimme in ihrem Kopf wieder. Ihre Augen brannten bereits. Sie konnte nichts mehr um sich erkennen. In die Dunkelheit rief sie immer wieder den Namen ihres Bruders, während sich alles um sie drehte. Die Stimme antwortete ihr immer wieder, aber es war nicht die Stimme ihres Bruders. Doch sie kannte diese Worte und diesen Klang. Etwas Vertrautes. In ihren Gedanken legten sich die Schreie und ein Wunsch öffnete sich.
Ich bin allein. Ich möchte sterben. Sterben. Alleine. Wie Sias. Nie wieder erwachen.
“Es tut mir leid. Ich bin zu spät gekommen.” Die Stimme hatte sich verändert. Sie klang wütend und traurig.
“Aber ich werde dich nicht sterben lassen, du bist nicht alleine. Ich kümmere mich um dich.” Beruhigend klangen die Worte in ihrem Kopf aus. Jemand half ihr, doch wieso hatte diese Stimme ihren Bruder sterben lassen? Immer neue Fragen warfen sich in ihr auf, bis diese Worte wieder in ihrem Kopf hallten: “Es war zu spät, Sivera. Aber nicht für dich.”
Wüt breitete sich in ihr aus. Ihre Lippen formten ungezügelt eine Frage, doch kein Laut verlies ihre Kehle mehr. Aber das Wesen hatte sie verstanden und antwortete ihr. “Tai.”