Tags

, , , , , , , , ,

Wieder einmal saß ich in der U-Bahn. Abwesend sah aus dem schwarzen Fenster neben mir. Schwärze die alles um sich herum verschlang und nur ein verzerrtes Abbild der Insassen zeigte. In der nächsten Station würde ich aussteigen, wie gern würde ich noch weiter fahren. Allmählich spürte ich wie die U-Bahn langsamer wurde und widerwillig riss ich meinen, ohnehin losen, Blick ab. Abwesend stieg ich aus und ging die Treppe hoch. Meine Gedanken schwebten währenddessen beim bevor stehenden Ereignis. Mittlerweile kam es mir bereits wie ein Déjà-vu vor. Ich hatte die Station verlassen und ging die Straße entlang. Im nächsten Moment würde ich einen Mann an der gegenüberliegenden Straßenseite vorbei gehen sehen. Da war er bereits. Er trug einen langen schwarzen Mantel, seine Haltung war gebückt und sein Gang stockend.
Ich blieb stehen. Plötzlich konnte ich nur mehr daran denken, dass dieser Mann eventuell verletzt sein könnte. Ich sollte helfen. Ich musste sogar!
Ich blickte mich kurz um und überquerte die Straße schnell. Abermals wundere ich mich, dass zu dieser Uhrzeit bereits niemand mehr auf der Straße ist. Ich sehe wie der Mann in eine enge Seitengasse abbiegt und sich dabei an der Wand abstützt. Meine Schritte werden immer schneller, bis ich bereits anfange zu laufen und ebenfalls in die schmale Gasse einbiege. Wiedereinmal blieb ich irritiert stehen und wunderte mich darüber wie weit der Mann bereits gekommen war, obwohl ich doch bereits schon rannte um ihn einzuholen.
“Sind Sie verletzt?”, rief ich ihm entgegen und ging weiter. In dieser kleinen Gasse gab es keine Beleuchtung und es drang nur spärlich Licht durch die Straße herein.
“Kann ich Ihnen helfen?”, ich lies nicht locker und diesmal drehte er sich um. Ich konnte in dem schlechten Licht ausmachen, wie sich sein Gesicht verzog, als er mich sah. Ich wusste mittlerweile, dass sein Gesicht Überraschung offenbarte und nicht Abscheu, wie es beim ersten mal glaubte. Seine Hand drückte sich fester gegen seinen Brustkörper. Er wandte sich von mir ab und beschleunigte seinen Schritt.
Ich weiß nicht wieso ich nicht umdrehte und ging. Es ging einfach nicht mehr.
Ich lief los, doch es schien als könnte ich ihn nicht einholen. Plötzlich stolperte er und lies sich gegen eine Wand fallen und plötzlich schaffte ich es aufzuholen. Als wäre ein Art Zauber aufgehoben.
“Sie sind doch verletzt? Wir sollten …”, begann ich, doch als ich neben ihm stoppte und bereits das Handy aus der Tasche heraus geholt hatte, fauchte er mich an. Nicht menschlich, sondern wie ein Tier. Ein komischer Klang, welche niemals einer menschlichen Kehle entkommen würde. Ich blieb regungslos stehen.
“Verschwinden Sie schon! Sofort!”, schrie er mich an. Wie höflich er doch immer noch war. Seine Augen funkelten mich bedrohlich an, aber ich konnte nicht anders als mich neben ihm fallen zu lassen.
“Ich kann Ihnen helfen…”, sagte ich sanft und versuchte ihn vorsichtig am Arm zu berühren. Mit einer ungewöhnlich schnellen Bewegung wich er mir aus und stieß mich weg.
“Verschwinden Sie! Be… bevor…”, seine Stimme brach weg und er biss sich auf die Lippen. Sein ganzer Körper begann zu zittern und er zwang sich von mir weg zusehen. Zähne wie von einem Raubtier, scharf mit langen Eckzähnen.
Als das Zittern plötzlich aufhörte, stand er schwankend auf und stieß mich diesmal grob mit dem Fuß weg. In seiner Hand funkelte plötzlich ein schwarzer Dolch.
“Hauen Sie ab, bevor ich sie töte! Los!”, seine Stimme klang unbeherrscht und panisch.
Ich blickte von der aufwendig verzierten Klinge zu ihm auf und richtete mich wieder auf.
“Mit den Verletzungen”, ich hatte wieder das Gefühl neben mir zu stehen, “kommst du nicht weit.”
Meine Stimme klang kühl und ruhig. Mein Kopf war frei und ich konnte komplett klar denken. Ich sah wieder in seine Augen. Erst jetzt konnte ich erkennen, dass sie Blutunterlaufen waren. Ein tiefes Knurren kam mir entgegen und er riss das Messer hoch. Ich wusste das er mich nicht bedrohte. Die Klinge kam unter seiner eigenen Kehle zu ruhen.
“Du bist kein Mensch, du brauchst Blut.”, ich verstand meine eigenen Worte nicht. Kein Mensch und Blut? Was war er? Ein Vampir? Es gibt keine Vampire, doch der Mann sah mich entsetzt an.
“Dann verschwinden Sie schnell! I.. ich sterbe… sterbe sowie…”, sein Körper begann wieder zu zittern. Er trat einen Schritt von mir weg und drückte seinen Körper gegen die Wand. Sein Blick gegen den grauen Himmel gewandt.
Ohne darüber nachzudenken, nahm ich ihm die Klinge aus der Hand. Er hatte nicht mehr den Willen oder die Kraft sich mir zu widersetzen. Als ich sie faszinierend betrachtete, lies er sich keuchend fallen. Bedauert sah ich ihn an und bemerkte das Blut über sein Kinn floss. Seine Zähne hatten sich tief in seine Lippen gebohrt.
Ich stand immer noch neben mir und sah unbeteiligt zu, wie ich meinen Unterarm frei machte und das Messer ansetzte. Als mein warmes Blut über die Haut floss, schrie der Mann auf und versuchte an der Wand vorbei, von mir zu entkommen. Ich lies die schwarze, blutüberströmte Klinge fallen, hielt ihn fest und drückte ihm die Wunde an den Mund.
“Trink.”, meine Stimme klang scharf und zu gleich so fremd. Befehlend. Wenn ich mit dieser Stimme jemanden befohlen hätte zu töten, hätte er es getan, selbst wenn es sein eigener Freund wäre.
Ängstlich betrachtete ich nun mein Selbst. Ich wollte schreien, meinen Arm weg ziehen, doch ich war stumm und unbeweglich. Ich wusste, dass so sehr er dagegen ankämpften würde, er schließlich mein Blut gierig lecken würde, seine Zähne ebenso tief in mein Fleisch dringen würden, wie zuvor in seines. Ich kannte den Schmerz und ich hasste ihn.
In diesem Moment stieß sein Kiefer zu und eine seiner Hand packte meinen Arm und hielt sie fest. Ich schrie nicht. Ich wich nicht zurück. Ich zitterte nicht. Aber ich spürte diesen unerträglichen Schmerz in meinen ganzen Körper. So gern hätte ich mich dem Schmerz ergeben und keuchend am Boden gelegen oder um mich geschlagen. Aber ich sah, gefangen in meinen eigenen Körper zu, wie er mein Blut trank.

Es klingelt. Ich saß bereits aufrecht in meinen Bett, als ich die Augen öffnete. Ein kurzer Blick aus dem Fenster verriet mir, dass es gerade erst hell wurde. Das Klingeln wurde lauter und durchdringender. Verärgert beugte ich mich zu meinen Nachtkästchen und nahm das Handy in die Hand. Ohne nachzusehen, wer es war hob ich ab.
“Hallo?”, meine Stimme klang schwach und träge.
“Sabine? Hast du noch geschlafen?”, eine eindeutig weibliche Stimme antwortete mir, aber ich war noch zu schläfrig um zu erkennen von wem sie war. “Ja?”
“Wir wollten uns doch heute früher treffen! Hast du das etwa schon vergessen?”, ich hielt das brüllende kleine Gerät etwas weiter von meinen Ohr weg. “Ähh, Eva?”
“Ja, wer sonst? Wie konntest du das vergessen? Ich hab mich auf dich verlassen!”, mir war klar, dass ich mich in einer heiklen Situation befand, war aber zu müde um angemessen darauf zu reagieren. “Ähm, tut mir Leid?”
“Und mehr fällt dir nicht ein?”
“Nein?” Was erwartete sie von mir?
“Heute ist der letzte Tag vor den Semesterferien, wir wollten das Projekt doch noch besprechen. Los, auf mit dir und beeil dich gefälligst in die Schule.”
Ein Piepton signalisierte mir, dass sie bereits ausgelegt hatte. Verärgert legte ich das Handy auf die Seite und stand auf. Ohne Umwege, ging ich ins Bad und sah in den Spiegel. Ich sah grauenhaft aus. Genau so, wie nach den letzten zwei Nächten auch. Mittlerweile konnte ich nicht mehr sagen, ob ich diese Sache erlebt hatte und die letzten Nächte davon heimgesucht wurde oder mir bereits einbildete es erlebt zu haben, ohne das ich auf meinen Unterarm sah. Ein weißer Verband verbarg den Schnitt und die vielen Bisswunden darunter.
Ich drehte den Wasserhang auf und spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht um wach zu werden.

Als ich mich angezogen hatte, ging ich in die Küche, in welcher früh Morgens immer ein reges kommen und gehen üblich war.
“Oh Schatz, du bist noch da? Ich dachte du wolltest…”, begann meine Mutter als sie mich sah, doch ich winkte nur ab und murmelte: “Verschlafen.”
Sie packte gerade noch einige noch einen Reiseproviant in ihre Tasche und drehte sich dann zu mir um.
“Dein Bruder ist bereits weg, er hat seine Sachen zu Daniel gebracht. Und dein Vater und ich sind auch gleich weg. Unsere Handys sind jederzeit auf, also falls was sein sollte, ruf an, ok?”, sie sah mich mit großen Augen an, als ob sie eine Abschiedsrede erwartete. Aber ich nickte nur verschlafen. Sie sah mich besorgt an und strich mir über den Kopf.
“Schlaf dich mal aus.”, murmelte sie mir noch zu, bevor sie mir einen Abschiedskuss auf die Wange gab und ging.
Während ich mich mir ein Brot herunter schnitt und bestrich, dachte ich über meine kommenden sieben freien Tage nach.
Meine Eltern hatten eine ihrer jährlichen Fortbildungen in Deutschland und würden erst in zehn Tagen wieder kommen, während mein 15 Jähriger Bruder mit der Familie seines besten Freundes Skifahren war. Ich hatte also die Wohnung komplett für mich. Genug Zeit und ruhe die unnötigen Aufgaben, welche wir über die Ferien bekommen haben, zu erledigen und mich gründlich in Selbstmitleid zu suhlen. In meinem Leben ging gerade einfach alles irgendwie bergab und zusätzlich konnte ich nun auch nicht mehr schlafen. Etwas besseres konnte ich mir nicht vorstellen.
Ich klappte das Brot zusammen und nahm es in die rechte Hand, während ich meine Schultasche in die andere nahm. Ich schlüpfte im Vorzimmer schnell in die Schuhe, hängte mir die Jacke um die Schultern und verließ dann auch schon die Wohnung.

Die Landschaft, welches von weichen Morgenlicht geflutet wurde, glitt an mir vorbei. Wie oft hatte ich bereits versucht meine Faszination für diese Art zu reisen auszudrücken, aber niemand verstand mich wirklich. Täglich genieße ich es die beständige Welt um mich herum zu betrachten und mich dabei so unabhängig und frei davon zu fühlen, während der Zug unter mir, mit hohen Geschwindigkeiten, mich zu anderen Orten bringt. Obwohl ich in diesen belanglosen Momenten so glücklich bin, haben sie doch eine Schwere, denn sie bilden die kurzen Zeiträume des Tages an denen ich ungestört über alles nachdenken kann, was mich beschäftigt. Nur leider häufte sich die unangenehmen Probleme seit einem Monat gewaltig.
In einem Moment auf den anderen verlor ich einen wichtigen Menschen und das in einer Zeit in der ich ihn wirklich gebraucht hätte. Doch es ist egal wie es mir geht. Es wird weiter erwartet, dass ich täglich Lächele und niemanden Sorgen bereite. Meine schulischen Leistungen gleich bleiben, wenn nicht sogar steigern und mich um meinen Bruder kümmere. Egal ob es darum geht ihn irgendwo abzuholen oder ihn zum lernen anhalten muss.
“Endstation. Bitte alle aussteigen.”
Ich seufzte leise, griff zur Tasche und wischte dabei noch die letzten Überreste meines, wie immer gehetzten, Frühstückes herab. Während ich wie in Trance meinen weiteren Schulweg entlang ging, dachte ich daran wie sinnlos dieser Tag werden würde. Wie so oft in den letzten Tagen, fragte ich mich, wieso ich nicht Zuhause blieb. Dort müsste ich nicht lächeln und glücklich sein. Dort könnte ich weinen, auch wenn ich es gar nicht wollte.
“Hey!”, rief jemand hinter mir. Ah, Schicksal, sei einmal gut zu mir und lass ihn nicht mich meinen!
Doch meine Hoffnungen wurden zerstört, als mich jemand am Arm anstupste. Ich drehte mich lächelnd um und sah in das Gesicht eines Klassenkollegens. Wieso nervt man mich noch bevor ich die Schule betreten habe?
“Oh, Sabi, du schaust ja scheiße drein.”
Genau diese Art von Komplimenten will eine Frau hören. Ich seufzte erneut, aber er merkte es nicht und antwortete knapp: “Jaja, weiß schon.”
In diesem Moment ging ich unter dem Schultor hindurch. Nun ist es offiziell, die Welt darf mich nerven und quälen.
“Gibt’s einen Grund… für dieses Übel?”, der charmante junge Herr nickte mir zu und fuchtelte mit der Hand vor meinem Gesicht.
“Einfach schlecht geschlafen.”
Ich wollte nicht darüber reden. Besonders nicht mit welchen die in die selbe Klasse gehen wie ich. Ich wollte niemanden meine Probleme aufhalsen. Dem einzigen Menschen, dem ich diese Last zumuten würde, war nun nicht mehr da und somit war ich allein.
Außerdem hasste ich den den Ausdruck in Gesichtern von Menschen, die sich um mich sorgten und mich bemitleideten. Mir missfällt sogar diese besondere Stimmlage, welche besagte Personen benutzen, um jemanden aufzuheitern. Ich will nicht verhätschelt werden und erst recht nicht erklärt bekommen, dass alles sich in rosa roten Wölkchen auflösen würde.

Obwohl ich mir bisher immer sicher war ich würde eines Tages Medizin studieren, wusste ich jetzt nicht mehr was ich tun sollte. Wie könnte eine Person, wie ich, Arzt werden. Meine Umwelt bezeichnet mich als schwierig und nicht umgänglich, aber schließt sich das wirklich aus? Ich möchte trotzdem anderen helfen. Ist der Drang zu helfen nicht genug? Ist es nicht genug, den Schmerz in den Augen anderer zu sehen? Wäre ich eines so harten Studium wirklich gewachsen? Oder war es bloß ein dummer und naiver Traum, welchen man in seiner Jugend hat? Wenn ich meine Zukunft ändere, könnte ich damit leben schmerzerfüllte Gesichter zu sehen, ohne helfen zu können? Dass ich wie jeder hilfloser Passant daneben stehen würde und tatenlos zusehen würde? Ist es tatsächlich selbstsüchtig von mir, zu lernen, um keine Angst vor dem Ungewissen zu haben?
Der Zug wurde bereits wieder langsamer und ich riss mich für einen Moment aus meinen Gedanken. Ich drückte mich sacht ans Fenster, um das näher kommende Bahnhofsschild zu lesen. Es war meine Haltestelle.
Mit einer hektischen Bewegung stand ich bereits und mit einer zweiten, befanden sich die Gurte meiner Tasche bereits um meine Schultern. Der Zug hielt bereits, als ich bei der Tür ankam. Ich steig aus.
An den meisten Tagen in der Woche, hatte ich lange Schule und kam mit dem Zug erst an, als es bereits wieder dunkel war. Der Bahnhof war ohnehin immer schlecht beleuchtet, doch seit etwa zwei Wochen flimmerte eine der drei Lampen nur mehr schwach. Es verwandelte den sonst so vertrauten Ort, beinahe in eine furchteinflösende Gegend. Passend zu meiner Stimmung. Ich würde am liebsten sofort anfangen zu heulen, auch wenn ich mir über die vielen komplexen Gründe noch nicht klar war.
Als ich um das Bahnhofsgebäude ging, betrachtete ich die Risse im Asphalt und kickte kleine Kieselsteine vor mich her. Sollte ich einfach aufgeben? Wahrscheinlich würde ich versagen, aber wie kann ich es sagen ohne es probiert zu haben?
Plötzlich tat sich vor mir ein schwarzer Schatten auf. Ich zuckte zurück und sah hoch.
“Entschuldigung.”, murmelte ich und riss den Kopf demütig herab, als ich bemerkte das ein Mann vor mir stand. Ich hatte ihn komplett übersehen.
“Endlich. Ich hab Sie gefunden.”
Die Stimme kam mir bekannt vor und gleichzeitig fremd. Eine tiefe und sanfte Stimme. Eine Stimme, welcher man ewig zuhören könnte.
Als ich begriff, was der Unbekannte zu mir sagte, sah ich panisch vom Boden auf und betrachtete überrascht wie er sich vor mich hin kniete. Er sah mich eindringlich an.
Bekannte Augen und gleichzeitig fremd. Wer war er?
“Meine Herrin. Als Ihr Diener bin ich hier und werde Ihnen folgen.”, sagte er formal und nickte zusprechend mit dem Kopf.
Ich wich einen Schritt zurück und starrte ihn an. Ein Film? Ein Dreh?
Er war ein junger Mann, trug einen schwarzen Mantel und sah mich weiter ruhig an. Wartete er auf irgendwas?
Als ich endlich zur Erkenntnis kam, dass ich etwas sagen sollte, klangen die Worte aus meinen Mund so zittrig und unsicher, dass ich mich beinahe dafür schämte.
“Wer bist du?”
“Ihr Diener.”, er machte eine Pause, “In mir fließt das Blut meiner Herrin.”
Ich machte einen Satz nach hinten und griff auf meinen verletzen Arm. Es war der selbe Man! Wie konnte mir das erst jetzt auffallen! Es war real. Alles war real! Die schwarze Klinge, mein warmes Blut, der Schmerz. Ich spürte wie sich mein Körper immer mehr anspannte. Was sollte ich tun? Was würde er tun? Brauchte er mehr Blut? Würde er mich töten?
In einen Moment auf den anderen wurde mein Kopf klar und ich hatte wieder das Gefühl neben mir zu sehen. Ich begrüßte es gerade so sehr, die Kontrolle abgeben zu können und der Situation still zu folgen.
Wie so oft, hörte ich meine dumpfe Stimme von weit her sprechen: “Wirst du mir folgen und gehorchen?”
Der junge Mann antwortete ohne Zögern mit fester Stimme.
“Ja.”
Erleichterung stieg in mir auf, als ich seine Antwort hörte und die Wahrheit seiner Worte in seinem Gesicht sah. Er sah gesünder aus, als bei unseren letzten Treffen. Hatte ich ihm geholfen? Oder war ich selbstsüchtig und hatte ihm meine Hilfe aufgezwängt? Ihm eventuell zum weiterleben gezwungen? Sagte er nicht er würde sterben?
“Ich werde Sie beschützen.”, seine Worte waren leise und er blickte dabei abermals demütig zu Boden.
Mein Kopf war noch klar, aber ich hatte das Gefühl über meinen Körper zurück. Langsam beugte ich mich vor und legte ihm die Hand auf die Schulter. Sein Blick hob sich und er sah mir wieder in die Augen.
“Hast du einen Ort an den du gehen kannst?”, meine Stimme klang wie ein zartes Glockenspiel, ein merkwürdiger Klang.
“Nein, Herrin.”, antwortete er pflichtbewusst.
“Dann komm mit mir.”
Ich musste lächeln. In diesem Moment war es mir egal, wie grausam unsere letzte Begegnung endete oder wie leichtsinnig mein Handeln war. Ich konnte nur mehr an eines denken, ich war nicht mehr alleine. Wenn er mein Diener war, dann sollte er bei mir bleiben. Mich nicht mehr alleine lassen.
Er erhob sich, strich seinen Mantel glatt und folgte mir als ich weiter ging, wie ein Schatten, durch die menschenleeren Straßen.
Minuten verstrichen in denen wir nicht sprachen und er mit einigen Schritten Abstand hinter mir herging. Ich könnte seine Schritte hören. Leise, aber doch. Er war noch da. Trotzdem wirkte langsam alles immer surrealer. War ich wirklich wach oder träumte ich vielleicht wieder?
Ein kalter Wind strich mir über das Gesicht und zerrte an meinen Haaren, mein unbekannter Begleiter in meinem Augenwinkel lies sich nicht von ihm ablenken. Ich fröstelte kurz. Wieder einmal hatte ich mich zu leicht angezogen und wie immer bereute ich es nicht. Die Kälte, welche langsam durch den Körper dran, war für mich ein beinahe angenehmes Gefühl. Sagte sie mir nicht, dass ich noch lebte und wiegte mich gleichzeitig in so eine gefährliche Sicherheit? Ich war also wach?
Während meine Schritte unter einigen kleinen Steinen knirschte, spürte ich wie sein Blick auf mir ruhte. Als ich meinen Kopf zu ihm nach hinten neigte, holte er mit schnell auf und sprach er mit der selben sanften Stimme wie zuvor.
“Frieren Sie, meine Herrin?”, bei seinen Worten zeichnete sich Überraschung auf meinen Gesicht ab und ich wandte meinen Kopf wieder zu dem Weg der noch vor uns lag.
“Nein.”
Eine Lüge.
Wir waren nur mehr zwei Häuserblöcke von der Wohnung meiner Eltern entfernt und ich begann plötzlich dich langsam zu realisieren was ich tat. Ich brachte einen mir unbekannten Mann nach Hause, ohne zu wissen wer er war und was er von mir wollte. Ich dachte verlegen darüber nach, was er mir antun könnte, mit dem wissen, dass er es nicht tun würde. Ich konnte ihm vertrauen, dass wusste ich mit einer mit nicht erklärbaren Sicherheit.
Ein Diener. Er würde mir folgen und gehorchen. Aber warum? Warum mir? Wegen meinem Blut? Ich verdammte ihn zu diesem Schicksal, weil ich helfen wollte. So etwas konnte nur ein selbstsüchtiger Mensch tun. Gedankenverloren bog ich ab und betrat das Grundstück.
Wir betraten das Treppenhaus und gingen weiter stumm die Treppen hinauf. Stufe für Stufe kamen wir dem dritten und letzten Stock näher. Als wir den Treppenabsatz erreicht hatten, nahm ich meinen kargen Schlüsselbund heraus und ging auf die Wohnungstür 43 zu. Er folgte mir. Wie konnte er auch anders?
Als ich eine Hand auf die Türklinke legte und mit der anderen den richtigen Schlüssel umfasste, drehte ich mich um. Er stand dicht hinter mir und erst jetzt bemerkte ich, dass er um fast einen Kopf größer war als ich. Was wollte ich eigentlich?
Ohne darüber nachzudenken, kamen die Worte ruhig über meine Lippen: “Wie ist dein Name?”
“Riterus.”
Abermals überrascht sah ich ihn an. Ich hatte mit einem anderen Namen gerechnet. Einem üblicheren. Einen menschlicheren Namen.
“Riterus? Ein ungewöhnlicher Name.”
“Mein Vater gab ihm mir, Herrin.”, seine Worten hatten einen einen seltsamen Unterton. War es Trauer oder Wut?
Nachdenklich wendete ich wieder der Wohnungstür zu. Mit der einen Hand schob ich den Schlüssel ins Schlüsselloch und mit der anderen öffnete ich die Tür.
Kein Licht brannte. Natürlich nicht. Niemand war Zuhause.
Ich lies die Tasche vom Rücken fallen und lies sie neben der Kommode stehen. Daraufhin schlüpfte ich aus den Schuhe und lies sie links neben der Tür stehen. Ich tapste vorsichtig durch die dunkle Wohnung zum Lichtschalter und erhellte den Raum. Unser kleines Vorzimmer endete offen in unserem Wohnzimmer. Ich lies mich auf das schwarze Sofa fallen und schloss die Augen. Hoffentlich konnte ich heute Nacht ausnahmsweise durch schlafen. Als ich Schritte hinter mir hörte, schreckte ich hoch und hockte bereits am Sofa. Meine Augen starrte auf Riterus.
“Oh, es… ich hab… irgendwie auf dich… vergessen.”, stammelte ich los. Er hatte seinen schwarzen Umhang noch an. Außerdem hielt er in einer Hand nun meine Tasche.
“Ähm, die Tasche. Warte, gib sie mir und ich räume sie weg.”
Verlegen streckte ich die Hand nach der Tasche aus und er gab sie mir wortlos. Als ich sie fest an mich gedrückt hatte, sprang ich auf und rannte durchs Zimmer. Die Flurtür stand wie immer offen. Ich lief den kurzen Flur entlang bis zur letzten Tür und öffnete sie. Wenn ich alleine war, rannte ich oft in der Wohnung, jetzt war es mir jedoch peinlich. Konnte er wissen, dass ich die Tasche sonst immer sofort wegräumte? Nein unmöglich. Ich stellte die Tasche im dunklen Raum neben meinen Schreibtisch und verließ den Raum wieder. Leise schloss ich die Tür und sah Richtung Wohnzimmer. Er stand neben dem Sofa und sah mich an. Langsam ging ich wieder zurück zu ihm. Er lies mich keinen Moment lang aus den Augen. Wenige Schritte von ihm entfernt blieb ich stehen. Was sollte ich nur sagen?
Ich merkte wie meine Wangen rot wurden und mir das Blut in den Kopf schoss. Plötzlich blickte er weg. Die Situation schien ihm ebenfalls unangenehm.
“Mir fällt auf, dass ich dir meinen Namen noch gar nicht gesagt habe”, begann ich und er sah mich wieder an. Seine Mimik lies auf nichts schließen. “Ich heiße Sabine Richter.” Er nickte nur kurz.
Plötzlich viel mir mein Zweiter Vorname ein. Ich benutze ihn nie und außer meiner Familie kannte ihn niemand. Ein ungewöhnlicher Name, beinahe so wie Riterus.
“Mein Zweitname ist Thesea.”
Seine Augen leuchteten kurz auf und murmelnd wiederholte er meinen Namen. Ich zog mit einen Sessel vom Esstisch herbei und setzte mich. Er stand immer noch regungslos da und sah mich an. Als ich ihn gerade bitten wollte sich zu setzten, setzte er selbst zum sprechen an:
“Dürfte ich fragen, wie alt Sie sind, Herrin Thesea?”
Er hatte eine wildfremde, selbstsüchtige Frau gesucht um ihr zu dienen, welche ihn selbst immer noch naiver weiße für einen Menschen hielt, folgte dieser daraufhin in eine unbekannte Wohnung, aber das einzige was ihm einfiel zu fragen, war mein Alter? Unerklärlicherweise entsetzte es mich.
“Siebzehn.”
Zum ersten Mal lag sein Gesicht wie ein offenes Buch vor mir. Zuerst war es noch Überraschung, aber es wandelte sich schnell zu Entsetzen. Unentschlossen wippte er mit seinem Fuß, bis er auf mich zuging. Unentschlossen, wich er jedoch wieder einen Schritt von mir und sah zum Boden. Er murmelte etwas, was ich jedoch nicht verstand.
Wenn ihn ein Wort so aus der Achtung brachte, sollte ich ab jetzt nur mehr lange Sätze aussprechen. Ich verstand nicht, was ihn so schockierte. Er selbst sah nur um wenige Jahre älter als ich aus. Ich schätze ihn auf so etwa 23 Jahre.
Plötzlich lies er sich wieder auf die Knie fallen. Sein Körper zitterte, ähnlich wie in der Nacht, als ich ihn zuerst traf. Aber diesmal hatte ich keine Angst.
Er berührte mit seiner Stirn den Paketboden und seine etwas längeren Haare verbargen nun sein Gesicht vollkommen.
“Wie… wie konnte ich so etwas… tun?”, seine Stimme klang beinahe schrill und Wut klang laut mit ihr mit. “Siebzehn. Ich… Siebzehn…”
Er schlug mit der Hand auf den Boden.
Ich verstand es nicht. Vorsichtig glitt ich vom Sessel und lies mich neben ihm nieder.
“Ein Kind…”, mittlerweile klang es als würde er weinen. Seine Stimme brach und zitterte mit jedem Wort mehr als zuvor. Sein Atmen war schnell und stockend zugleich.
Wie zuvor, legte ich ihm vorsichtig die Hand auf die Schulter.
“Was ist den…”, begann ich, doch als sein Kopf hoch schnellte und ich ihn seine Augen sah, stockte ich. Plötzlich packte er mich an den Schultern und schüttelte mich barsch.
“Ich habe das Blut eines Kindes angenommen!”, unbeherrscht schrie er mich an.
“Ich hätte sterben sollen! Ich habe kein Leben verdient! Dieses Leben nicht verdient! Wie…”, seine Stimme brach erneut und er lies den Kopf hängen. Sein Griff um meine Schultern blieb jedoch.
“Es ist alles in Ordnung.”, meine Stimme war sanft und mitfühlend. Er sah wieder in meine Augen und diesmal verzog sich sein Gesicht ungläubig.
So plötzlich wie er mich packte, lies er mich auch wieder los und wich zurück.
“Ich habe die Kontrolle verloren. Es tut mir Leid, Herrin.”, seine Stimme klang beinahe schon wie zuvor. Aber es schien ihm viel schwieriger die Worte über die Lippen zu bekommen. Besonders das Letzte.
“Bestrafen Sie mich, wenn Sie es wünschen.”
Sein Blick war wieder zum Paket gerichtet und er schüttelte sanft den Kopf und fügte leise die Worte ‘Ich hätte sterben sollen.’ hinzu.
“Nein.”, meine Stimme klang hart, doch er reagierte nicht darauf. Ich griff vor und packte ihm an der Kleidung und riss ihn heran. “Das wünsche ich nicht.”
Es war meine verletzte Hand und ich spürte wie sein Blick darauf lag.
“Hör auf! Hör auf… auf vom sterben zu sprechen!”, meine Stimme zitterte und ich fing einfach an zu heulen. Die Tränen ronnen über meine Wange als ich weiter sprach: “Ich hasse…” Aber ich stockte und griff einen neuen Gedanken aus, welchen ich aussprechen wollte: “Wenn man sein Leben wegwirft!”
Ohne es zu bemerken habe ich angefangen ihn zu schütteln und an seiner Kleidung zu reißen. Jetzt jedoch nahm er vorsichtig meinen Arm und löste ihn von sich.
“Das Alter spielt gar keine Rolle! Niemand…”, ich verstummte fassungslos, als er mir eine Träne von der Wange wischte.
“Ich habe bereits verstanden.”, er lächelte sanft. Doch ich weinte weiter. Ich wollte weinen und er hielt mich nicht davon ab. Immer und immer weiter fielen Tränen von meinen Kinn zu Boden und ich spürte wie ich mich immer leichter fühlte.

Die Vögel zwitschern, was für ein wundervolles Gesang um aufzuwachen. Ich spürte die kühle Luft und atmete sie gierig ein, als ich meinen Kopf unter der Decke hervor streckte. Ich blieb noch einige Minuten ruhig liegen. Ungewöhnlich, aber ich genoss den Gedanken, die Nacht tief und fest geschlafen zu haben. Ich setzte mich erst auf, als mir klar wurde, dass ich mich nicht mehr daran erinnern konnte, das Fenster gestern Abend geöffnet zu haben. Als ich meine Augen öffnete, waren sie verklebt. Ich hatte also doch gestern Abend geweint.
Ich tapste ungeschickt und noch schläfrig ins Badezimmer und wusch mir die Wimpern mit kalten Wasser aus. Mit geschlossenen Augen drehte ich den Hahn ab. Dann tastete ich nach dem Handtuch, welches neben der Spüle hing und presste es gegen das Gesicht.
Die Stille um mich herum wurde nur durch das Geräusch zusammengestoßener Töpfe aus der Küche gestört. War es bereits schon so spät, das meine Mutter das Mittagessen zubereitete?
Ich ging zurück in mein Zimmer und sah auf den kleinen Wecker, neben meinem Bett. Es war erst zehn Uhr Vormittags?
“Wieso sollte Mum denn jetzt schon etwas…”, murmelte ich vor mich hin, bis mir klar wurde, dass meine Eltern in Deutschland waren. Mein Bruder war bei seinem Freund und selbst wenn er zurück wäre, er hasst es doch zu kochen? Aber wer war dann in der Küche?
Ich machte am Absatz kehrt und sprang in den Gang hinaus und hastete die paar Schritte zur Küchentür, welche einen spaltbreit offen stand und riss sie auf.
“Guten Morgen.”, Riterus lächelte mich an und hielt dabei ein paar Eier in der Hand. Auf dem Herd stand eine Pfanne, in welche bereits Öl eingelassen wurde. Fassungslos starrte ich ihn an. Ich hatte nicht geträumt. Ich hatte gestern einen fremden Mann, welcher glaubt mein Diener zu sein, mit in meine Wohnung genommen. Was habe ich gestern Abend noch gemacht? Wir redeten und dann? Ich weinte. Nein, wie peinlich. Ich weiß wie sehr es mir schon auf der Seele brannte zu weinen… und er störte mich auch nicht. Ich hätte mich auch nicht stören lassen. Ich war so frei. Er saß einfach neben mir auf dem Boden und sah mir zu. Irgendwann zog ich mich in mein Zimmer zurück und schlief ein.
“Ich dachte mir, Sie freuen sich über ein Frühstück, Herrin.”, immer noch lächelnd widmete er sich der Pfanne und war gerade dabei ein Ei aufzuschlagen.
“Sag du zu mir.”, selbst wenn ich jetzt taktlos war, aber es reichte vollkommen, wenn er mich duzte.
“Wie Sie… wie du es willst, Herrin.”, er blickte mich kurz an und sah aber sofort wieder weg.
“Könntest du es auch lassen mich Herrin zu nennen?”, meine Stimme klang verärgerter als ich es wollte. Aber er grinste nur noch breiter, sah mich jedoch nicht wieder an.
“Nein, dass lassen meine guten Manieren nicht zu.” Und als ob er mich ärgern wollte, fügte er noch fröhlich die Worte “Herrin Thesea.” hinzu. Er schien heute viel entspannter als noch gestern zu sein.
Seufzend ging ich zum Kasten, welcher über der Theke hing, neben welcher er arbeite und nahm mir ein Glas heraus. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie er von mir zurück weichte und weg sah. Hatte ich etwas falsch gemacht?
Ich sah auf das Glas in meiner Hand. Es war ein ganz normales Glas. Er war zwar seltsam, aber hatte er Angst vor Gläsern? Unmöglich, niemand konnte Angst vor Gläsern haben.
“Ähm, könntest du dir etwas anderes”, seine Stimme stockte, als ich ihn ansah, doch er hatte sich schnell wieder gefasst und sprach weiter, “anziehen?”
Ich schaute an mir herab. Ich hatte völlig vergessen, dass ich immer nur in Unterwäsche und einem T-Shirt schlief. Aber normalerweise stand in der Früh auch nicht ein junger Mann in meiner Küche! Peinlich berührt stellte ich das Glas wortlos ab und huschte schnell aus der Küche. Mit knall roten Kopf lief ich in mein Zimmer und schloss die Tür hinter mir. Sofort griff ich links neben mir zum Kleiderkasten und zog, nach dem Öffnen einer Schublade, eine schwarze Jeans heraus. Dann zog ich mir mein Schlafshirt aus und bemerkte grinsend, dass ich gestern so verwirrt sein musste, dass ich vergessen hatte meinen BH auszuziehen.
Aus einem der oberen Teile des Kastens holte ich eine lang ärmliche weise Bluse hervor und schlüpfte schnell in sie hinein. Während ich alle Knöpfe schloss, dachte ich darüber nach ob es nicht ein bisschen zu vornehm aussah was ich gerade anzog. Aber eigentlich konnte es ihm ja egal sein. Und ich fühlte mich wohl darin!
Der Stoff der Bluse wehte leicht im Wind, welcher immer noch durchs offene Fenster kam. Gedankenversunken sah ich auf das Fenster. Ich war mir ganz sicher, dass ich es nicht geöffnet hatte.
Die obersten zwei Knöpfe lies ich aus und strickte die Ärmel bis zum Ellbogen auf. Dann nahm ich die kleine braune Bürste von meinen Nachtkästchen uns setzte mich aufs Bett. Rasch bürstete ich durch die Haare, damit sie wenigstens ein bisschen weniger verfilzt aussahen. Als ich fertig war, griff ich zu eine der Klammern, welche die Angewohnheit hatten, sich an der Kante meines Schreibtisches auf zu reihen. Mit einer geübten Bewegung strich ich die Haare zurück und Klammerte sie hoch.
Als ich aufstand und das Zimmer bereits verlasse wollte, blickte ich überprüfend an mir herab. An meinem linken Arm war noch der weise Verband. Ich müsste ihn heute noch wechseln. Aber das hatte Zeit.
Als ich zurück in die Küche kam, nickte mir der Mann kurz zu und wandte sich wieder konzentriert den Rühreiern in der Pfanne zu. Es sah aus, als würde er seit Jahren zum ersten Mal wieder kochen. Wie ein ungeschicktes kleines Kind.
“Ich habe für dich bereits gedeckt, Herrin.”, und mit diesen Worten riss er mich aus meinen Gedanken. Seufzend wollte ich das Glas nehmen, welches ich zuvor auf die Theke gestellt hatte, aber ich griff ins Leere. Nachdem ich es in der Küche nicht mehr fand, ging ich durch die Verbindungstür ins Wohnzimmer.
Ich fand den Esstisch reichlich gedeckt vor und erstarrte im Türrahmen. Ein leerer Teller war am Tischende hingestellt worden und daneben Besteck, welche zierlich von aufwendig gefalteten Servietten geschmückt wurden. Auf der anderen Seite stand ein kleiner Korb aus der Küche mit frisch aufgeschnittenen Brot und kleinen Semmeln.
Das gesuchte Glas befand sich ebenfalls am Tisch umringt von drei Krügen in denen anscheinend Orangen-, Apfelsaft und Milch gefüllt wurde. Dahinter stand noch ein weiterer Korb mit Toastbrot und einige Marmeladengläser daneben. Ansonsten war jedoch kein weiterer Platz gedeckt. Wo hatte er das ganze Essen her? Hatten wir das alles in der Küche? Wenn ja, ist dort jetzt nichts mehr. Außerdem war es unmöglich, dass dies alles für mich sein sollte. Ich konnte das doch alles nie im Leben alleine aufessen. Dachte er wirklich, dass ich so viel essen würde?
Sanft berührten mich Hände am Rücken und führten mich zum Tisch. Schließlich hielt man mir den Sessel hin und ich setze mich. Ich konnte meinen Blick einfach nicht von dem ganzen Essen wenden. Im nächsten Moment kam Riterus auch schon mit einem weiteren Teller wieder, auf welchen das warme Rührei dampfte. Lächelnd stellte er es auf den Tisch ab und sah mich erwartungsvoll an.
“Erwartest du von mir, dass ich”, ich lies meinen Blick noch einmal über das gesamte Essen schweifen, “das alles ganz alleine esse?”
“Willst du etwas anderes?”, seine Stimme klang ein bisschen gekränkt.
Ich sah unsicher zu ihm hoch.
“Ähm, willst du den nichts essen?”
“Nein, ich brauche nichts.”
Mir fielen seine Eckzähne wieder auf. Ich sah sie immer, wenn er sprach, aber beachtete sie nicht. Nervös sah ich wieder auf den Tisch. Ich wollte ihn jetzt nicht ansehen.
“Du trinkst nur Blut?”, meine Frage klang zögernd.
Der Mann neben mir begann laut los zu lachen. Verwirrt sah ich ihn an. Jetzt sah man seine Zähne noch besser. Er war kein Mensch. Wann würde mir das endlich klar werden?
Als sein Lachen verebbte, beugte er sich lächelnd zu mir herab und stützte die Hand so am Tisch ab, dass ich mich gegen die Sessellehne drückte um ihm nicht zu nahe zu sein.
“Ich werde dich jetzt mästen und danach… mein ganz persönliches Frühstück genießen.”, seine Worte waren verschwörerisch, nahmen jedoch zunehmend einen ironischen Unterton an. Nachdem er sichtlich mein Entsetzen genossen hatte, richtete er sich wieder auf und fuhr ganz normal fort: “Nein. Ich kann mich auch von normalen Dingen ernähren.”
Seine Antwort beruhigte mich etwas, aber unsicher fragte ich ihn ob er mit mir zusammen frühstücken würde. Nachdem er mich überrascht ansah, verschwand er jedoch in die Küche und kam mit einem weiteren Teller und Besteck wieder. Als er sich neben mich setze, entspannte ich mich wieder und nahm mir eine Scheibe Brot. Er war definitiv entspannter als gestern. Sein plötzlicher Sinneswandel irritierte mich komplett.

Nach dem ausgiebigen Frühstück lag ich ausgestreckt auf dem Sofa. Eigentlich wollte ich wegräumen helfen, doch nach einer kurzen Diskussion stellte sich heraus, dass sich dieser sture Kopf nicht dabei helfen lassen wollte. Ich lag da und sah ihm im Augenwinkel zu, wie er immer wieder in die Küche huschte und wieder heraus kam.
War es Schicksal, dass ich ihm damals folgte? Ihm half? Oder das er mich wieder fand? Er schien auch einsam zu sein. Oder nicht? Sollten wir einfach nicht mehr einsam sein? Oder war schlussendlich doch ich schuld, dass er nun hier war? Und was war er überhaupt? Kein Mensch? Doch ein Mensch? Es konnte nicht wahr sein oder? Es durfte nicht oder?
“Geht es dir nicht gut?”
Ich schreckte hoch und quetschte mich gegen den Sofarücken und starrte ihn an. Ich hatte nicht bemerkt, dass er sich neben mich hin gehockt hatte. Als ich sah, dass er sich über meine Reaktion ebenso erschreckte, wie ich über sein Auftauchen, lachte ich ihm entgegen. Doch dann wurde ich wieder ernst.
“Riterus, wieso bist du mein Diener?”, ich hatte nicht lange über die Frage nachgedacht. Sie war einfach aus mir heraus gesprudelt. Hatte ich sie falsch formuliert? Musste so sein, denn seine Augen weiteten sich, auch wenn er versuchte sich nichts anmerken zu lassen.
“Weil du mich zu einen machtest, Herrin.”, ich konnte nicht erkennen ob er darüber froh war oder nicht. Er sah mich wieder mit seiner unergründlichen Miene an. Seine Antwort half mir nicht im geringsten. Sie beantwortete keiner meiner Fragen. Sie erzeugte viel mehr eine Fülle von neuen. Aber ich konnte ihn doch nicht so gierig ausfragen oder schon?
Plötzlich sah er weg, aus dem Fenster. Ich folgte seinen Blick, doch er sah mich sofort wieder an.
“Dürfte ich fragen, was du für ein Wesen bist, Herrin?”, die Frage schien ihm unangenehm.
“Ein Mensch.”, die Worte klangen komisch, beinahe wie eine Lüge. Aber es war das einzig wahre oder nicht? Immerhin war ich schon immer einer.
Er seufzte und sah mich einige Zeit an, bevor er aufstand und sich neben mich auf dem Sofa nieder lies.
“Du weißt es also nicht.”, er sah mich an und schätze mich kurz ein, bevor er weiter sprach, “Für einen Menschen würdest du zu falsch riechen.”
Ich begriff seine Worte nicht. Ich sollte also kein Mensch sein? Habe ich mein bisheriges Leben mit einer Lüge gelebt? Was war mit meinen Eltern oder meinen Bruder? Waren sie Menschen? War ich deswegen so seltsam? Wusste ich deswegen Dinge, die ich nicht wissen konnte? Aber was war ich? Was war oder ist überhaupt ein Mensch?
“Was bist du, Riterus?”, es klang eher nach einem unbedeutenden Flüstern, als nach einer Frage.
“Ein Dhampir.”
Das konnte doch kein Zufall sein? Ein Dhampir? Ich hatte erst vor kurzen über dieses Thema gelesen. Aber warum? Weil ich wusste, dass es geschehen würde oder war es doch nur Zufall? Ein verdammt ironischer Zufall? Vielleicht sprach ich dem Ganzen auch viel zu viel Bedeutung zu.
Ich zitierte die Worte, welche meiner Meinung nach Dhampire am besten beschrieben: “Kinder, deren Mütter Menschen und deren Väter Vampire waren. Verdammt dazu ein unerwünschtes Leben zwischen Mensch und Vampir zu führen.”
“Passende Worte für ein Monster.”, seine Stimme klang kalt und verletzte mich auf eine merkwürdige Art und weise.

Seine Worte während diesem Gespräch wollen mich sehr lange nicht los lassen. Sind sie die Wahrheit, welche sich lange genug vor mir verschloss? Oder habe ich sie versteckt? Wie in einer Endlos Schleife höre ich seine tiefe sanfte Stimme in meinem Kopf.
“Als du mich rettet hast, warst du nicht wie jetzt. Du warst anders. Vermutlich weist du selbst schon seit langen, das auch etwas anderes in dir steckt. Eine andere Kraft.”