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Walter hat ja schon immer einen Fabel für Rätsel, aber irgendwann … ja, irgendwann erschlag ich ihn mit nen Rätselbuch. Einem fetten Rätselbuch. Eine absolute Nacht und Nebel Aktion, die er diesmal schon wieder abgezogen hat. Sich von meinen Eltern einen Zweitschlüssel zu besorgen. Sich in meine Wohnung zu schleichen. Sich an meinem Kuchen zu vergehen … das mit dem Kuchen verzeih ich ihm sicher nicht. Ich hasse es. Und wie ich es. Das weiß er ganz genau! Wenn jemand mit den Fingern … die im Topfen rumstockern … und dann nascht. Wah, ich könnte auszucken. Und dann find ich diesen Zettel. Wie kann man so alt sein und immer noch so kindisch? Er hätte Detektiv werden sollen und nicht Tischler und das Ganze vom alten Otto übernehmen. Maries Garten! Bin schon hier? Ah, wenn es heute nicht regnen würde … dann könnte ich den Duft genießen. Die ganzen Blumen. Was sie sich immer antut beim Anpflanzen. Ok, erledigen wir das einfach schnell. So was steht auf der Liste? Honig. Hab ich beim Billa gekauft. Eisendraht. Find ich sicher im Kremerladen beim Schwarz. Igel. Der Scherzdackel. Wo soll ich nen Igel herbekommen? Soll ich eine Falle oder so aufbauen? Der Vogel. Ah, ich werd einfach den Keramikigel aus dem Garten meiner Eltern ausborgen. Das sollt reichen. Was soll das überhaupt für ein Rätsel sein? Ich hoffe ja nicht, dass ich auf bestimmte Sachen kommen oder stoßen sollte. Ich war in so was schon als Kind schlecht. Oh Gott, weitere Zettel würd ich auch nicht ertragen! Keine Rätselrally oder Schnitzeljagt! So gut sollte er mich schon kennen. Du schweifst ab. Schon wieder! Zurück zur Liste. Regen. Gefunden. Bin schon ganz nass. Amsel. Naja, ich hab ein Bild gemacht von der einem im Baum. Bin mir ziemlich sicher es, war eine. Aber meine Handy-Kamera ist nicht so gut. Na, wird schon reichen. Tanne. Hab ich. Einen Tannenzweig, abgeschnitten von der Tanne oben bei der Spielwiese und gut verstaut in meiner Tasche. Was noch? Nichte. Ah, der Problemfall. Ich hab keine Nichte. Soll ich die jetzt auch klaun gehen? Meine Schwester hätte echt schneller sein … ah, vielleicht ist das die Auflösung? Meine Schwester ist schwanger und ich bekomme eine Nichte? Ein süßes kleines Mädl mit blonden Haaren. Zopferl könnte ich ihr flechten. Das wärs … aber für so unvernünftig halte nicht einmal ich sie. Sie ist erst 16. Vielleicht ein bisschen reifer als ich in ihrem Alter, aber noch lange selbst ein Kind. Ok, alles Stück für Stück. Auf zum Schwarz, wegen dem Draht. Mh, aber das Fragezeichen, gehört es auch noch zur Liste? Ha, wie sollte ich den ein Fragezeichen finden? Vielleicht eines aus Stoff nähen? So weit kommts noch! Wenn ich die Zeit hätte, könnte ich von Beruf aus auch gleich Zitronenfalter werden. Etwas wirklich Sinnvolles eben. Na, lieber nicht. Wieso muss es nur regnen? Ich hab ja nichts gegen Regen … solange ich trocken irgendwo drinnen sitzen kann. Zum Glück ist es eh nicht mehr weit. Tja, das ist der Nachteil, wenn man nicht im Zentrum wohnt, sondern irgendwo am Rand von Purkersdorf, im letzten Eck und das Auto letzte Woche verreckt ist. Diese Dreckskiste. Da regnet es und ist schrich und schon geht sie nicht. Technik. Ein Dreck. Wie früher sollte man leben. Vielleicht nicht im Mittelalter. Zu dreckig. Römer wär auch nicht meins. Brauche mich nur an das römische Essen in der Schule erinnern während der Römerwoche. Wah, so etwas Grausliches. Und er ganze schöne Wein! Was wir da alles hineingeschüttet haben. Römer, wäre echt nicht meins. Eher im Norden. Keltisch! Ja, bei den Kelten könnts mir gefallen. Faszinierend die Kulturen im Norden. Aber ein bisschen kalt dort. Vielleicht find ich noch welche im Süden. Uh, Handy vibriert. Waah, ein Anruf. Weiß schon wieder, wollte den Klingelton ändern. Kein Wunder, dass ich es sonst immer auf lautlos habe. Mh, meine Mutter? Kommt mir eh gelegen. Der Keramikigel.
“Schatz?”
Klingt nicht gut.
“Ja?”
Vielleicht sollte ich das mit dem Igel überdenken.
“Ahm,.. gehts dir … gut?”
Das ist jetzt seltsam.
“Ja schon? Habe heute …”
“Du hast noch nichts gehört?”
Okay, irgendwas ist los. Das gefällt mir gar nicht.
“Anscheinend nicht. Was ist los?”
Bitte, bitte, bitte, lass es nichts schlimmes sein.
“Oh, ahm, es ist besser, wenn du vorbei kommst…”
Scheiße.
“… ich sags dir hier.”
Den ganzen Weg zurück? Kanns wirklich so schlimm sein? Okay, es wird schon gehen.
“Sags einfach.”
Uh, ich klang grad sehr harsch. Nur wegen diesem Rätsel. Hat mir bereits jeden Nerv geraubt und jetzt das … schon sehr ruhig.
“Mum?”
Seufzten ist kein gutes Zeichen. Das war ein trauriger Seufzer. Was zur Hölle ist den los!?
“Walter …”
Hat mir ein scheiß Rätsel hinterlassen … meinen Schlüssel verloren … ich muss das Schloss tauschen … ist abgehauen… hat meine Wohnung abgehauen … wieso sagt sie nicht?!
“… er hatte einen Unfall.”
Einen Unfall …
“Schatz?”
Einen Unfall … oh mein Gott, beruhig dich.
“Wie gehts ihm?”
Bitte, nur leicht verletzt. Oh mein Gott, oh mein Gott, was wenn ihm was Schlimmeres passiert ist? Und ich hab mich wegen seinen Rätsel aufgeregt. Wegen so scheiß Rätseln. Wieso hat mir niemand was gesagt? Wieso sagt sie nichts mehr? Was ist los?!
“Mum? Was ist los?! In welchem Krankenhaus…”
“Schatz, er hat es nicht …”
Überlebt.
“Nein!”
Nein. Nein, nein, nein. Nein, neeein, neeein, neeein. Nein! Neeein! Er hat es nicht überlebt. Nein. Er hat, er hat, ahm, er hat es nicht kontrollieren können. Irgendwo mit dem Auto gegen einen Baum. Eh unverletzt. Aber total Schaden. Beim Auto. Ihm gehts gut. An so was gar nicht denken. Ihm gehts gut. Vielleicht. Im schlimmsten Fall ein Bruch. Die Hand! Die rechte! Schlimm genug. Aber am Leben! Unverletzt!
“Nein, Schatz…”
Nein! Ich wills nicht hören!
“… er hats nicht überlebt.”
Oh. Mein. Gott. Ohh. Meein. Gott. Gott. Er. Hats. Nicht. Das … scheiß auf alles! Wa, wieso … er war gestern … ja, da noch, da. Wo … und dann tot?
“… Schatz?”
Ich … will nicht. Oh Gott. Rot. Auflegen. Aus. Brauch ich eh nicht. Scheiße. Oh mein Gott. Ich … ich … hab keine Ahnung was … ich … auch nur irgendwie, wo tun soll. Was soll … ich machen? Ohne … ganz ohne. Für immer ohne?! Ihn.

Ihre Finger umklammern noch ein letztes Mal den kleinen handgeschriebenen Zettel. Beschrieben mit seinen letzten Worten. Dann flattert er vom Wind getragen auf den nassen Boden, während aus ihrer Kehle ein tiefes Schluchzen kam. Und der ruhige Mai Himmel weinte mit ihr, als ihre Tränen unermüdlich über ihre Wangen flossen.

Liebling, ein Rätsel für dich.
Ich warte auf deine Antwort.

Honig
Eisendraht
Igel
Regen
Amsel
Tanne
Essig
Nichte
?

Ich liebe dich. Walter