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“Jessie, schau was ich dir mitgebracht habe.”
Er hielt ihr ein Blatt Papier vor das Gesicht. Dünne schwarze Linien zogen sich darüber und formten zusammen mit vielen Formeln und Zahlen ein komplexes Gebilde.
“Eine TX-Holt 93v. Noch nicht einmal im offiziellen Entwicklungszyklus verzeichnet.”
Er zog die Skizze wieder zu sich und musterte sie stolz. Er kannte jeden Strich und jede Länge, jede Einheit und jede Notiz. Es war nicht einfach gewesen, einen Ausdruck der neuen Holt anzufertigen und ihn heimlich aus dem H13 heraus zu schmuggeln.
“Ich häng es dir später zu den anderen”, er wies dabei auf die Wand hinter ihrem Bett, welcher vollständig mit großen und kleinen Skizzen der unterschiedlichsten Dinge bedeckt war, “aber daweil leg ich es dir hier hin.”
Behutsam legte er das Blatt auf den leeren und verstaubten Schreibtisch und dachte sich dabei noch, dass er Jona bitten müsste diesen mal wieder zu reinigen.
Er griff zum Sessel und zog ihn, wie schon so oft, neben das Bett. Langsam entspannte er sich von der hektischen Schicht die er soeben hinter sich gebracht hatte. Er lächelte sie an.
“Ich dachte es mir doch das du dich darüber freuen wirst. Die neue Holt wird etwas ganz besonderes, mit einer komplett anderen Technik bei den Seiten Drills. Wir bekamen sogar die Anweisung drei Tukins Antriebe einzubauen. Stell dir das vor, die erste Holt mit drei Tulkins. Die 87v TX ist mit zwei schon revolutionär. Aber bei der 93v gleich auf drei zu setzen ist schon etwas anderes. Die Konstruktion war gar nicht so leicht. Wir mussten sogar das Material tauschen und die Zusammensetzung der Metalllackierung ändern, damit sie den erhöhten Wellen der Tulkins stand hält.”
Sein Gesicht strahlte als er ihr von seiner Arbeit mit den anderen Konstruktionsmechanikern erzählte. Davon wie er die Berechnungen für das Material durchführte, sie mit den Ergebnissen von Alex überprüfte und sie bereits im zweiten Schichtteil den ersten Prototypen zum Bau bereitstellen konnten.
“Aber wir können natürlich noch nicht sagen, ob die 93v wirklich freigegeben wird”, seine Stimme verlor an Freude und klang plötzlich stumpf, “die 91v wurde auch nicht freigegeben.”
Für einen Moment verspürte er nicht die Lust zum reden. Er dachte an die Mechaniker der 91v, darunter Rene, welche er oft in der Kantine traf und sich beim Essen gut mit ihr unterhielt. Angeblich war sogar ein Robin im bei den TX 91v Konstrukteuren dabei gewesen, aber das waren nur Gerüchte.
Er riss sich aus seinen Gedanken.
“Ich langweile dich sicher, aber du weißt, Berufskrankheit.”, er lachte und folgte ihrem Blick aus dem Fenster.
“Wenn ich nicht wüsste, dass dir der Ausblick gefielen würde ich veranlassen, dass wir eine niedrigere Suit bekommen.”
Er hielt kurz inne.
“Du hast recht, der Himmel ist heute wirklich wunderschön. So ein blau hatten wir in letzter Zeit selten. Aber dabei haben wir Glück, dass wir hier oben im Norden leben”, er lebte wieder auf und sah sie an, “ich hab gehört UIN haben, ah”, er schlug sich tadelnd an den Kopf, “sie haben sich ja wieder umbenannt, FCDC heißen Sie nun. Steht für, ahm, Free Country and, nein, Free Connected and Devoid of, ach, ich weiß nicht. Es war alles noch viel einfacher vor den ganzen Aufständen, als sie noch USA hießen. Bin ich froh, dass wir in Kanada bodenständiger sind. Egal, vergangen ist vergangen, nicht? Wie bin ich jetzt eigentlich drauf gekommen?”
Erneut sah er wie sie aus dem Fenster. Eine Routine die er nicht einmal mehr richtig wahrnahm. Zu oft saß er schon bei ihr, redete mit ihr und folgte ihrem Blick in den weiten Himmel hinaus.
“Unten haben Sie wieder heftige Stürme. Nächste Woche soll der Wind drehen und wir bekommen die HS auch hier bei uns.”
Er stützte sich am Sessel ab und setzte sich auf die Bettkante zu ihr. Zärtlich strich er ihr durchs Haar als er weiter sprach.
“Aber keine Sorge, nur 41 Stunden. Wurde bereits alles ganz genau berechnet.”
Er legte seinen Kopf auf ihre Schulter. Er spürte ihre Wärme und roch die frisch gewaschenen Stoffe in denen sie gehüllt war. Er legte seinen Arm um sie und hob seinen Kopf um ihr ins Ohr zu flüstern. Sie starrte währenddessen weiter leer aus dem Fenster.
“Wenn diese Holt ein Erfolg wird, dann nehme ich dich mit in eine Flugzone. Damit du auch endlich in den Himmel kannst.”
Sie reagierte nicht.
“Jessie”, er zuckte zusammen und sah auf Jona, welche in der Tür stand, “ich habe die Ausgabenkostenrechnung aufgestellt, kannst du sie bitte durchgehen?”
“Ja natürlich”, erwiderte er, “einen Moment noch.”
Missmutig sah er zu wie sie sich umdrehte und wieder verschwand. Sie hatte die schöne Stimmung zerstört in der er sich gerade noch befand. Seufzend stand er auf, lehnte sich dann jedoch noch einmal zu der Frau im Bett herab.
“Jessie”
Er sah in diese Augen, die dieselbe Farbe hatten wie der Himmel hatten, in den sie blickten.
“Ich liebe dich.”
Seine Lippen berührten sachte Ihre Wange. Dann stand er auf und warf noch einen Blick auf die Skizze der TX-Holt 93v. Sie wusste sicher nicht was diese abbildete, sagte er sich, bevor er Jona ins Nebenzimmer folgte.

“Ich verachte, was du mit Jessie tust, Jessie.”, sagte Jona als sie ihn sah.
Sie saß bei einem Tisch und hatte vor sich die Kostenrechnung als digitales Dokument auf einem RDA liegen.
“Meinst du nicht, dass es mehr geben muss als das Schicksal, welches man für uns bestimmt hat?”, antwortete er abwesend als er sich zu ihr setzte. Sie führten dieses Gespräch nicht zum ersten Mal. Alles wiederholte sich in einer undurchbrechbare Routine.
“Nein”, sie schüttelte energisch den Kopf, “wir werden als Luka, Kim, Robin …”
“oder Jona oder Jessie geboren. Ich weiß.”
“Jeder hat seinen Platz.”, belehrte sie ihn.
Er nahm die Rechnung und überflog die Zahlen. Jona hatte wie immer peinlichst genau jede Ausgabe niedergeschrieben die sie im Haushalt gemacht hatte. Als er bereits am Ende der Liste war, hörte er wie sie murmelte, dass sie lieber für einen Robin arbeiten würde. Gerade so laut das er es hören könnte und sich ärgern konnte. Aber er war nicht in der Stimmung um sich zu ärgern.
“Sei froh, dass du für Jessies arbeiten darfst.”, sagte er kalt und signierte das Dokument mit seiner ID. Dann riss sie ihm die Ausgabenkostenrechnung bereits auch schon unter der Hand weg und funkelte ihn böse an.
“Ihr seid beide defekt.”, zischte sie und verlies die Suit. Ihre Schicht war zu ende.