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Die Haustür stand einen Spalt offen und die Kälte des Winters kroch in das mit unzähligen Schuhen angefüllten Vorzimmer. Der schmale Kasten an der Wand quoll über mit den darin , in allen möglichen Farben, geschlichteten Pumps, Sandalen und Ballerinas. Von Lackimetaten in Neon Rosa bis teuren italenischen Roger Viver, die wohl bereits die oberste Preisgrenze bildeten, war hier alles zu finden. Im untersten Fach standen sogar noch ein Paar schwarze Plateau Schuhe aus Velourslederimitat mit einem neun Zentimeter Absatz, neben einer Schachtel die sortfältig mit der Aufschrift ‘Beige Ankleboots, Sep. 14’ versehen war. Der braune Teppich davor war mit einigen H&M Kartons bestückt, welche achtlos auf den Boden geworfen oder weggetreten wurden. Auf einen linken dunkelblauen Sneaker sah man sogar einen Schuhabdruck, während der rechte Ballerina eines schwarzen Paares mit weißen Punkten von seinem Gegenstück getrennt wurde und bereits im Wohnzimmer lang.
Auf dem hölzernen Türrahmen hängte ein Zettel mit krakeliger Schrift: ‘6 Uhr Julia von deiner Mutter abholen! Franz’ Daneben war ein hestig hingeschmiertes Herz gezeichnet.
Die Kälte kroch immer weiter in den Wohnbereich des Hauses vor. Scherben lagen am Parkettboden und die halb verwelkten Rosen lagen zwischen ihnen. Kartonboxen waren aus den Regalen neben dem mittelroten Ecksofa herausgerissen worden und das sich darin befindete Zettelwerk auf den ganzen Boden zerstreut. Eine Rechnung von drei Velourleder-Pumps und einem Paar Lederkombi-Boots, die mit 99,95€ im Abverkauf waren, hatte sich bereits mit dem Rosenwasser angesogen und war gerade noch so lesbar.
Doch der Winter zog weiter eisig über den Boden, vorbei am Regal in dem einst ein Panasonic TX-P65VT50E Plasma Fernseher stand und über die vor Wut auf den Boden geworfenen Bücher. Zwischen die Sesselbeine des Esstisches hindurch und selbst über den umgekippten Sessel kroch der Wind.
Schließlich erreichte er den sonst so leeren Gang zum Badezimmer und den beiden Schlafzimmern. Am Boden zog sich eine nasse Spur von der Türschwelle in die Mitte des Ganges, wo sie plötzlich aussetze. Suchend drang die Kälte weiter und erreichte das Fell der dreifärbigen kleinen Mischlingskatze, die zusammengekrümmt am Boden neben der Wand lag. Um sie herum hatte sich das Blut am Boden gesammelt. Die Ecken des bunten Foto-Kalenders wurden bereits von der Flüssigkeit befleckt. Auf der nach obenliegenden Seite war der 13 Juli 2015 mit einem Bleistifkreis makiert und daneben stand ‘Geld -> zurück’. Zwei Tage zuvor war die Notiz ‘Julia in Boldercity’ zu lesen.
Doch der Winter wollte mehr, er zog weiter, Stück für Stück, über den Boden. Beachtete nicht, dass der Kalender einen hellen Fleck an der Wand hinterlassen war, dort wo er eigentlich sein sollte. Zu hastig und begierig kroch die Kälte in das Schlafzimmer. Über den umgestürzten Kasten, den eisblauen Pump der eine Schramme in der Wand neben der Tür hinterlassen hatte und über die bunten Schuhkartons mit der Größe 38, welche im Gegensatz zu den Büchern eine letzte verzweifelte Verteidigung darstellten. Immer weiter zu auf sein Ziel. Unterm unordenlichen Bett hindurch. Vorbei an den Kisten, welche weit unter das Bett geschoben wurden. Vorbei an der sorgfältigen Schrift. Weiter und weiter. In das entfernterste Eck des Hauses. Ungeachtet des roten Küchenmessers. Ungeachtet der Flecken am Boden. Zu gierig den Frauenkörper zu erreichen.