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Wiedermal einer der Tage wo man schon schlecht gelaunt aus der Arbeit heraus spaziert, weil nichts so läuft wies laufen sollte. Und daheim? Nicht anders. Kurzum: die schlechte Laune grüßt dich im Morgen und begleitet dich treu den Rest des Tages.
Trotz allem hab ich beschlossen in mein Stammlokal zu fahren, ein paar Bierchen in netter Gesellschaft an der Theke zu kippen und den Tag hoffentlich besser zu beenden als er angefangen hat.
Zu der Laune natürlich entsprechend angezogen war ich also mit schwarzer böser Jacke, schwarzen bösen Hut und finsterer Miene die sagt “Ich beiße, schleich dich” unterwegs. Auf meinen Weg zur U-Bahn, zu später Stunde, habe ich dann noch meinen Hut ins Gesicht gezogen, um mein Aussehen den letzten Schliff zu geben. So weit, so gut. Klappte auch hervorragend. Rund um mich bei der U-Bahn liesen die Leute großräumig Abstand. Selbst das junge Fräulein, dass es auf den Sitzplatz zu meiner Linken abgesehen hatte, entschied sich in letzter Sekunde doch noch für die Sitzbank eins weiter, als sie einen genaueren Blick auf mich geworfen hatte.
Aber wie es doch kommen musste um mein Elend konstant zu halten, löste sich aus der englischsprachigen, leicht angeheiterten und nicht zu überhörbaren Studentengruppe, von gut zehn, zwölf Leuten, ein weibliches Wesen und stakserte komplett aufgestylt und lautstark die zehn Meter bis zu mir rechts heran, etwas zögerlich aber doch lies sich dann auf den Platz neben mir nieder. Puh, wie soll ich sie beschreiben, mein eigentliches Augenmerk lag ja dabei das Plakat mir gegenüber böse anzufunkeln. Tussig. Fünfzehn Zentimeter klappernde Absätze, die ihr ungeschaut, jetzt schon wehtun mussten und dem gesamten gegackere zumuten, war sie vermutlich auch noch semmelblond und mit einer unechten Solariumbräune überzogen.
Um mich weiter zu stören, huscht ihr linkes Bein so hoch durch mein Bild, dass sie jemanden damit hätte im Gesicht treffen können. Meine Güte, meine Damen, dass sollte Pflicht sein, wenn ihr euch die Beine schon überschlagen müsst. So auffällig wie möglich.
Ich lass mir jedoch nichts anmerken. Volle Konzentration darauf, das Plakat in Angst und Schrecken zu versetzen. Im Augenwinkel ihr nervösen hin und her gerutsche und das unsichere über mich hinweg Spähen zu ihrer Gruppe. Merklich gelangweilt.
“Guuuyys, come over here!”
Oh, ohoho, Mädl, das war mutig. Keine zehn Zentimeter von meinem Ohr entfernt. Da hätte nichtmal dein Schuh dazwischen gepasst. Und noch in voller Lautstärke. Und mit dem tussigsten ‘Guuuyys’ das ich jemals gehört habe.
Bleib cool, sie ist nicht an deiner Laune schuld. Weiter starren ist angesagt. Sie dürfte auch noch abschätzen ob das eine gute Idee war. Aus ihrer Gruppe antwortet auch niemand.
“Hey! Guuuyyys. Stand here! Come over here!”
Sie hat Todeswünsche. Kapiert sie es echt nicht? Von ihrer Gruppe höre ich nur zögerlich und bei weiten nicht so laute Antworten. Von denen will keiner hier her. Versteh sie auch, ich würd’ mich auch zu niemanden stellen, der offensichtlich von der Welt so angepisst ist und mit seinen Blicken ein Plakat vor ihm ermordet. Aber unser Blondinchen stört das anscheinend nicht.
“Guuuyys, come on!”
Bring das Plakat um! Bring nur das Plakat um! Nein, ein weiteres weibliches Wesen staksert aus der Gruppe heraus.
“Ohh, thhannxx!”
Kommt näher und näher und bleibt genau zwischen mir und meinem fast toten Plakat stehen. Ist das dein Ernst? Da geht ihr mir schon so am Sack und dann nimmst du mir mein Plakat weg.
Aber nach einem kurzen hin und her von ihrer blonden Stakserfreundin und ihr, hat sie beschlossen, doch ein paar Schritte auf die Seite zu gehen, da mein Blick ihr wohl doch etwas unwohl war. Ah, mein Plakat. Die semmelblonde Freundin rutscht daraufhin etwas zu mir, damit ihr etwas beleibtere Freundin noch Platz auf der Bank findet. Ich könnte rutschen, damit die beiden Platz haben. Nein. Verlier das jetzt nicht. Du hast sie bis jetzt ertragen, rühr dich einfach nicht. Ein kurzer Blick auf die Anzeige sagt mir es sind noch immer vier Minuten. Wieso vergeht die Zeit so extrem langsam?
Und ich kann mich nicht auf das Plakattöten konzentrieren. Die beiden Stakserfreundinnen lenken mich zu sehr mit ihrem gequatsche ab. Anscheinend dürften sie noch nicht lange in Wien auf der Universität sein. Was geht mich das eigentlich an. Ich will meine Ruhe ihr zwei.
“Guuuuys, come over here.”
Das Mädl muss jede Scheu vor mir verloren haben. Bei ihrer Freundin höre ich wenigstens noch an dem getuschel, dass sie von mir jeden Moment erwartet auf zuspringen und etwas oder besser jemanden gewissen in der Luft zu zerfetzen. Aber auch die restlichen werden mutiger und die Antworten schon lauter und frecher. Immer noch Ausreden, weil ich noch da bin, aber Antworten! Alles über mich hinweg!
“Kommen Sie her! Kommen Siie heer!”
Das. Das klingt einfach nur falsch. Aber wir sind beim deutschen angelangt. Ich würde sagen, daran muss sie noch arbeiten. Ihre Freundin weniger mutig, diskutiert nur leise die neustes Schlachtpläne im Deutschen und deren Grammatik. Der zögerliche Gruppenrest rechts, bleibt beim vertrauten Englisch.
“Guuuuys! Kommen Siiie heeerr!”
Soll ich sie von dieser Blamage befreien, mich zur Gruppe drehen und in einem schönen wienerischen Dialekt drüber schreien ‘Herst, Burschen, bewegts eure Ärsche daher.’. Na gut nicht ganz so tiefer Dialekt, aber vermutlich würden die jungen Akademiker nicht einmal das verstehen. Lassen wir es lieber bleiben.
“Kommen Siiiee heeerr!”
Sie lässt echt nicht locker und es wird echt schon schwer sich das Grinsen zu verkneifen. Klingt einfach zu falsch. Was ist das überhaupt für eine Gruppe. Die Gruppe antwortet, wird jedoch leicht nervös und wieder verschreckt als ich den Kopf ganz sacht in ihre Richtung dreh. Oh ja, die grimmige Gestalt hat sich bewegt. Die schauen gar nicht so alt aus. Zumindest so aus dem Augenwinkel. Aber sie sehen das ich sie sehe.
“Guuuyyyss!”
Und jetzt ein Schwenker in die andere Richtung. Triumph. Die Gruppe fühlt sich sichtlich unwohl und auch die beiden Mädls neben mir erstarren jetzt. Aber ich geb’ auf. Ich dreh mich komplett zu dem weiblichen auf getackelten Studentenwesen neben mir, die mich jetzt mit schockierten Blick anstarrt, beginne zu lachen.
“This sounds soo wrong.”
“You speak English, great!”
Eins, zwei, …
“Oh, noo, really?”
Jetzt hat sie es überrissen. Dreht sich peinlich berührt zu ihrer Freundin um, die ebenfalls im Boden versinken möchte, weil beide drauf kommen, dass sie lauthals im U-Bahn-Bereich umher geschrien haben. Ich glaub den Grinser bekomme ich heute nicht mehr vom Gesicht. Einer dieser gruseligen, angetackerten Lacher die total ohne Grund in deinem Gesicht kleben.
“Ohh, I screamed in your ear… all the time!”
Du bist wirklich eine der schnellen Sorte.
“I’m sooo sorryy!”
“No problem.”
Sie hat mich jetzt irgendwie doch gut erwischt. Irgendwie ist grad’ alles so absurd. Zuerst wollte ich noch dieses Plakat töten und jetzt plaudere ich mit ihr.
“Well, it’s just, you said ‘Sie’ which is really polite”
Wie aufmerksam sie mir zuhört und eigentlich ist sie auch noch ziemlich jung. Gar nicht blond und nicht ‘mal so hässlich. Bisschen zu aufgetackelt, aber dürfte ja auch das erste Mal sein, dass sie in einer neuen Stadt fortgehen.
“in this case, you would say ‘Kommt ihr her’.”
“Ohh, ‘ihr’, I totally forgot.”
Brav, wie ein Hundewelpe, wiederholt sie meine Worte. Klingt immer noch nicht natürlich und etwas komisch, aber wesentlich besser als vorher. Immer und immer wieder bedankt sie sich bei mir. Im Augenwinkel sehe ich die Gruppe die uns aufmerksam beobachtet. Mein schönes Plakat-Killer-Image wurde zerstört.
Da kommt auch schon die U-Bahn. Während wir einsteigen, erzählt sie mir noch, dass ihre Freunde aus der USA kommen, sie selbst jedoch aus Kanada. Da hab ich auch einen Bekannten. Kanadier sind wirklich sehr zutraulich. Na gut, wir sind in der U-Bahn. Soll ich mich zu ihnen setzen und noch etwas plaudern oder abhauen? Ein kurzer Blick auf die Gruppe. Denen wäre es vermutlich egal. Ach nein. Auf meine Laune wurde zwar ein ‘Kommen Sie her’-Grinser geklebt, aber ich denke man muss es nicht übertreiben. Ich verabschiede mich, wünsche einen schönen Abend. Bekomme sogar noch ein paar Worte gebrochenes Deutsch entgegen und marschierte in entgegengesetzter Richtung zu ihnen durch die losfahrende U-Bahn. Mit einem riesen gruseligen Grinser, meiner schwarzen bösen Jacke und meinem schwarzen bösen, noch immer ins Gesicht gezogenen, Hut durch die U-Bahn.