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“Früher hatte ich die totalen Probleme mit meinem Gewicht. Nach der Stationären ist das jetzt nicht mehr so. Also, ja, ich nehm an, Selina hat dir gesagt, wieso ich dort war. Auf jeden Fall will ich jetzt, dass es unbedingt mit Ryan klappt. Ich mein er ist einfach so süß und alles. Er ist total cool. Kann es immer noch gar nicht glauben, ich kenne ihn ja schon länger und immer sind diese ganzen Schlampen um ihn herum gewesen …”

Sichtlich desinteressiert stochere ich mit meinem Strohhalm in meinem Getränk herum und beobachte dabei, wie sich die Eiswürfel hin und her schieben. Immerhin hatten wir schon ihre Lebensgeschichte bis zum heutigen Tag durch und waren anscheinend nur mehr bei den Schwärmereien für Ryan. Echt, mit wem hat der Typ noch nicht geschlafen? Doch die viel interessantere Frage ist, wieso sitze ich hier und höre mir das an? Wo hab ich so eine Bekanntschaft nur schon wieder aufgeschnappt. Ach Gott, die Welt ist zu klein. Wo fängt das Ganze eigentlich an? Ich bin jetzt einundzwanzig. Also ungefähr vor acht Jahren habe ich in der Unterstufe in der Parallelklasse meine Freundin Laura kennengelernt. Die macht viel Blödsinn, aber diesmal ist sie an der ganzen Geschichte nicht beteiligt. So, Laura wiederum hatte damals eine Freundin namens Kira in der Klasse. Der Kontakt zu ihr war lange abgebrochen und erst in den letzten Jahren irgendwann hatten sie plötzlich wieder Kontakt. Dadurch auch Kira mit mir. Naja, vielleicht auch ein bisschen, weil Kira und ich nach meinem Umzug praktisch nebeneinander wohnten. Durch Kira jedenfalls kam auch Lea hinzu, eine Klassenkollegin aus der Oberschule. Soweit, so gut. Das Ganze fing also vor einem Jahr an. Kira und ich beschlossen in eine Cocktailbar zu gehen, von der wir gelesen haben. Dort saßen wir auch fast den ganzen Abend alleine herum und plauderten miteinander. Kurz bevor wir gehen wollten, stupst mich von hinten jemand an und kam mir mit einem der schlechtesten Anmachsprüche überhaupt. Erwähnenswert? Nein, lieber nicht. Das war Alex. Alex setzte sich also zu uns und mit ihm ebenfalls sein Freund Pascal. Schon waren wir zu viert und der Abend um einiges lustiger. Als man uns aus der Bar haute, wegen der Sperrstunde, meinte Pascal er kenne noch eine andere, die länger offen hätte. Gesagt, getan, wir machten uns auf den Weg. Und man sollte es nicht meinen, aber um vier Uhr morgens hatte tatsächlich noch was anderes offen. Na gut, Alex und Pascal haben im weiteren Verlauf nicht mehr viel zu suchen, aber immerhin habe ich von Pascal später noch den Namen des Lokals erfahren, wo man noch nach vier Uhr morgens hereinspazieren kann.
Genau in dieses besagte Lokal bin ich irgendwann nach einer Party auch spaziert. Zu dem Zeitpunkt aber schon komplett alleine, weil der Rest meiner Mannschaft am Weg aufgegeben hatte. Ich saß also dort, trank ein bisschen und genoss die Musik. Läuft an mir ein Typ vorbei, läuft zurück und stupst mich an. Diesmal bekam ich nicht den schlechtesten Anmachspruch zu hören, viel eher den besten Outingspruch für Stalker. ‘Hey, du wohnst doch dort und dort’ ist absolut nicht, was man von einem vermeintlich Wildfremden hören möchte. Im Laufe des Gesprächs erfuhr ich jedoch, dass der Stalker Markus hieß und wir immer im selben Bus fuhren und er daher meine Haltestelle kannte. Seine war nur eine weiter, also keine zehn Minuten von mir entfernt. Trotzdem bisschen stalkerhaft. Zu meiner Verzweiflung durfte ich später herausfinden, dass Kira ebenfalls Stalkereigenschaften besaß und ich so eine Art von Leute anscheinend anziehe. Kiras Stalkergeschichte war auf einer Studentenparty. Zu ihrer Verteidigung muss man sagen, dass sie von diesem superscharfen Nachbar schon öfter erzählt hatte. Aber genau dieser Nachbar tauchte auf der genannten Party auf und hatte eine Wette verloren und verteilte daher butlermäßig Servietten. Als er dann zu uns kam, hörte ich Kira schon das Stalkersprüchlein sagen. Wobei der scharfe Nachbarskerl, der übrigens Ryan ist und da wären wir schon bei der ersten Person dieses Dilemma, tat mir richtig leid. Er fragte nach Straße, Hausnummer, Stiegennummer und sogar Hausnummer und alles konnte ihm Kira sagen. Tja, stellte sich heraus, dass er sie nicht wahrgenommen hatte. Arme Kira, doch nicht so attraktiv. Nach dem ersten Schock, ein paar Stalkerwitzen später und der Beendigung seiner Wette hing er dann jedoch mit uns rum. So, hätten wir bereits zwei, Ryan und Markus, fehlt mir aber für die gesamte Geschichte immer noch Benedikt. Seuftz, wie kamen wir zu Benedikt? Das war einzig und allein Leas Schuld. Ihr erinnert euch? Kiras Freundin. Die beiden waren in einem Klub tanzen und in der Ecke stand ein Typ, der den ganzen Abend alleine war. Irgendwann tat Lea der Typ so leid, dass sie zu ihm hin ging und was stellte sich dabei heraus? Er hieß Benedikt und lebte, wie der Zufall es doch nicht anders wollte, ebenfalls nur einen Häuserblock von mir von Kira entfernt. Was war jetzt an den Dreien so besonders? Erstmals kannten sich die Drei bereits vorher untereinander. Zu dem Zeitpunkt konnte ich den Spruch ‘Ach ist die Welt nicht klein’ schon nicht mehr hören. Aber zwischen Markus und Ryan gab es da so ein paar kleinere Frauenprobleme. Ich mache es kurz, Ryan ist die Sorte von Mann, die mit jeder weiblichen Bekanntschaft schläft, die er kennt und wie es sich raus stellte, nahm er es Markus übel, wenn er später mit einer der besagten Damen dann etwas hatte. Ich habe dazu sogar genügend kennengelernt. Zum Beispiel Hailey und, ach wie hieß sie? Braune kurze Haare, dumm wie ein Dackel. Egal, der Name wird mir nicht mehr einfallen. Auf jeden Fall genug. Ich hatte also das Vergnügen mir die Vorwürfe von den beiden Herren anzuhören, sowie von den Damen sobald mich die Herren mit Ihnen alleine liesen. Besonders nachdem sich Ryan und Markus gestritten hatten, konnte man dann immer das unangenehme betroffene Gesicht der Mädchen sehen, wenn du sagtest, dass der andere jetzt noch vorbei kommen würde. ‘Ich denke nicht, dass es so gut ist, wenn Ryan mich mit Markus sieht.’ Tja, wie wäre es mit vorher denken, dann ficken? Jeder Kampf um Frauenrechte ist für solche Weiber sinnlos und ja ich habe als Frau das Wort ‘Weib’ in den Mund genommen!
Die ursprüngliche Frage war jedoch, wie ich zu dem reizenden Wesen gekommen bin, dass nun vor mir sitzt und anscheinend seine Lebensgeschichte noch einmal aus einem anderen, viel dramatischeren Blickwinkel, erzählt. Ich saß, wie auch gerade jetzt, in meiner nach vier Uhr Bar und Benedikt huschte mit einem Mädchen an mir vorbei und fragte, wann ich nach Hause fahren würde und ob wir uns ein Taxi teilen wollten. Mit einem Blick auf die Uhr meinte ich nur, dass ich mich später mit Ryan treffen würde. Und da kam bereits das peinliche Schweigen, gefolgt von einem ‘Ryan ist auf mich angefressen’. Auf wen ist der Typ eigentlich nicht angefressen. Dann huschte der Blick kurz zum Mädchen, die verlegen hin und her trat und meinte: ‘Es wäre wohl nicht so gut, wenn Ryan sie zusammen mit Benedikt sehen würde.’ Sie kam mir in dem Moment schon bekannt vor, aber ich schenkte den weiblichen Begleiterinnen dieser Drei nicht mehr viel Beachtung. ‘Du hast mit Ryan geschlafen?’ meine Frage hatte sie wie der Blitz getroffen und sie bejahte nur kurz. Das war es auch schon wieder, viel länger war unser Gespräch nicht. Aber am nächsten Tag bekam ich dann diese SMS:

Hey Britta, du warst ja gestern in der Bar
mit Benedikt und Christina, die mit Ryan
geschlafen hat. Nein, ich stalke dich nicht,
Christina ist meine Bettnachbarin. Ich soll
dir von ihr ausrichten, dass du es nicht
weitersagen sollst. Danke! Seli

Das erklärte natürlich, woher ich das Mädchen, Christina, vom Sehen kannte. Seli, eigentlich Selina, war die kleine Schwester meiner besten Freundin Sabine, die ich mit Sabine einige Male im Krankenhaus besuchen war, weil sie Pfeiffisches Drüsenfieber hat. Dazu gibt es auch einige interessante Hintergrundfakts, aber nichts Wichtiges für jetzt. Jedenfalls wusste Selina von dem Ganzen nicht, es kam erst auf, als Christina ihr Fotos zeigte, auf denen ich ebenfalls drauf war und so kam alles auf. Und aus irgendeinem Grund glaubt Christina nun wir wären dicke Freunde bzw. ich ihre neue Psychologin.
Ryan, wieso müsstest du den mit ihr schlafen? Hast du keine Grenzen oder so? Ich mein der Typ ist zwei, drei, vier Jahre älter als ich und dieses Mädchen Christina, laut Selina gerade mal sechzehn. Und Benedikt, der erst recht. Ich weiß nur er ist ein Jahr älter als Ryan, wie alt der auch immer ist.

“Es ist halt nur so, dass Ryan davon noch nichts weiß. Auch mit der Sache vom Benedikt nicht. Ich kann das immer noch nicht fassen, dass du das Erraten hast. Einfach so. Du hast sicher so eine Gabe für so etwas. Du kannst auch so gut zuhören. Du solltest Psychologin werden, da könntest du allen helfen und ich wäre das auch gerne, weil ich anderen eben so gerne helfe. Benedikt habe ich ja auch geholfen. Der war total am Boden, und wenn ich jemanden helfe, fühle ich mich gleich viel besser. Was denkst du?”