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„Starten Sie nun bitte die Rechner vor Ihnen und setzen die Aufgabenstellung um.“, ertönte eine Stimme dumpf hinter mir. Ständig drehte sich die Welt um mich und ich bekam gerade noch so die Hälfte mit. Meist hörte ich die Worte noch klar, aber konnte einfach keinen Sinn in ihnen mehr finden. Als würde jemand in einer anderen Sprache mit mir sprechen.
Ich drückte den Handballen unbeholfen gegen die Schläfe, um diese stechenden Kopfschmerzen zu unterdrücken. Ein sehr sinnloser Versuch. Ich stützte mich am Tisch mit der linken Hand ab und lies den Kopf nach vorne fallen. Meine Haare bildeten einen Vorhang, der mein Gesicht verbarg. Inständig hoffte ich, dass es schon die zweite Stunde der Weiterbildung war. Zweite Stunde würde Halbzeit bedeuten und mir wenigsten einen kleinen Hoffnungsschimmer geben.
Langsam schob ich die rechte Hand vor und schaltete den Bildschirm vor mir wieder ein. Der Schirm vor mir flackerte grell. Die Kursleiterin konnte ja nicht erwarten, dass ich den PC noch nicht eingeschaltet hatte. Anscheinend leitete sie sonst nur Kurse mit wirklich unwissenden Personen und stark gehorsam. Traf beides nicht auf mich zu.
“Herrlich, stark flackernd und mit fettigen Fingern verschmiert. So lobe ich mir meine guten Röhrenbildschirme.”, murmelte ich vor mich hin und starrte mit halb offenen Augen auf den Bildschirm. Nicht einmal die Einrichtung war am aktuellen Stand der Technik, wie sollte da ein Weiterbildungskurs nur Sinn machen?
Einen kurzen Moment lang hatte ich das Gefühl das grell leuchtende Ding vor mir rutschte nach links weg und ich würde gleich mit dem Kopf am Tisch knallen. Aber ich tat es nicht. Ich saß immer noch aufrecht. Etwas schwummrig, aber ich starrte noch auf den Bildschirm. Alles in allem ging es mir schon mal besser.
Neben mir hörte ich wie sich die junge Dame, die sich in der unnötigen Kennenlernphase als Carina vorgestellt hatte, ebenfalls über die Bildschirme aufregte.
Plötzlich hatte ich das Gefühl es sah mich jemand an. Gequält drehte ich den Kopf leicht und sah im Augenwinkel auf die Tür. Ein Mädchen mit langen blonden Haaren und seltsamer Kleidung stand dort. Sie lächelte und dann war sie auch schon weg. Mein Kopf brachte mich gleich um.
Mittlerweile hatte es die rechte Hand bereits bis zur Tastatur geschafft und mit ein paar Tastenkombinationen war die fertige Aufgabe offen. Gut, dass ich sie schon gemacht hatte.
“Bei Ihnen alles in Ordnung?”, ertönte die Stimme der Kursleiterin. Sie fragte nicht, weil es sie interessierte oder sie bemerkt hätte, dass es mir schlecht ginge, nein, einfach nur aus Routine. Unwillig hob ich den Kopf, setze dann jedoch ein Lächeln auf und drehte mich zu ihr um. Dann versicherte ich ihr, dass ich kein Problem hätte und sie trottete zum nächsten Teilnehmer weiter.
Der Sessel neben mir wurde über den Boden gezogen. Seufzend drehte ich mich zu der Person. Das Mädchen von der Tür hatte sich mit einem unschuldigen Lachen neben mich gesetzt. Ich hätte sie böse angefunkelt, aber ich hatte nicht den Willen dazu. Da hat die Menschheit schon Schmerzmittel erfunden und ich habe keine.
“Was machst du hier?”, flüsterte ich leise, als ich wieder auf den Bildschirm schaue.
“Hier mal aufkreuzen und nach dir schauen. Dasselbe, was du sonst auch immer tust.”
Ich sah kurz zu, wie sich der Ladebalken langsam füllte, drehte den Kopf aber dann doch wieder in ihre Richtung. Sie sah mich nun besorgt an. Dies änderte jedoch nichts an der Tatsache, dass sie komplett fehl am Platz wirkte. Ihre langen blonden Haare waren leicht zerzaust und fielen über ihr braunes und schlichtes Leinenkleid. Der Schnitt erinnerte mich immer an ein die Gewänder auf Mittelalterfesten. Es war locker geschnitten, hatte lange Ärmel, die zur Hand hin breiter wurden, und hörte kurz über den Knien auf. Um den Bauch hatte sie mehrere breite Lederbänder gebunden. Auch wenn ich es jetzt nicht sehen konnte, wusste ich doch, dass der Rücken tief ausgeschnitten war, damit ihre Flügel genug Platz hätten, welche derzeit sehr zerknautscht zwischen dem Sessel und ihr eingeklemmt waren.
“Dir gehts nicht gut.”, merkte sie an.
Ich antwortete nicht, sondern verdrehte nur die Augen. Was rückblickend betrachtet, keine gute Idee war. Ich hatte wieder das Gefühl den Boden unter den Füßen zu verlieren und sah erst zu spät, wie sie ihre Hände hob. Ich riss den Kopf zu ihr, kippte nach vorne, weil ich das Gleichgewicht verlor, und erhaschte noch einen Blick auf die beiden Herren auf den Arbeitsplätzen hinter ihr. Ich hörte eine Frauenstimme, als es schwarz wurde.
Nur wenige Sekunden später nahm die Welt um mich herum wieder Farbe an. Ich saß auf einem trockenen Erdboden und überlegte, ob ich mich nicht einfach zur Seite umkippen lassen sollte. Diese Aktion hatte meine Kopfschmerzen nicht unbedingt besser gemacht.
“Du hast es schon wieder getan!”, zischte mich das Mädchen an.
Ich sah sie nicht an, sondern sah auf die verwirrten Gesichter der Kursteilnehmer vor mir. Wenn es mir nicht so dreckig gehen würde, wäre ich jetzt vermutlich ziemlich sauer. Aber ganz ehrlich, so ist es mir egal. Dann bin ich halt da. Und sie auch. Wen interessiert es?
“Wieso schleppst du immer andere mit?”
“Immer.”, betonte ich sarkastisch, “Außerdem wer hat den Wechsel zu verschulden?”
“Kann ich das wissen?”, murmelte sie neben mir in sich hinein, während ich schwanken aufstand.
“Schau der ist auch wieder dabei.”, sagte sie schließlich und deutete auf einen Mann, der nun auf uns zu kam. Ich rieb mir gerade über die Augen und versuchte auszumachen, wohin sie deutete. Als ich ihn erkannte, stöhnte ich leise.
“Ausgerechnet der. Leistet er sich dasselbe wie beim letzten Mal, bring ich ihn um, bevor du wieder auf so wahnwitzige Ideen kommst.”
“Ideen.”, grummelte ich, “Das waren Rettungsaktionen.”
“Marlene?”, sagte der Mann unsicher, wartete jedoch auf keine Antwort von mir, “Was ist hier los? Ich war gerade noch in der Straßenbahn auf dem Weg zu einem Kundentreffen.”
Langsam kamen auch die anderen zu uns. Abgesehen von Raphael, welcher mich fragte, wie sich innerhalb von Sekunden die Straßenbahn in eine Lichtung mitten im Wald verwandeln konnte, waren noch Carina und die zwei Herren, die ich zuletzt im Kurs gesehen habe, hier.
“Sag Komische, du scheinst dich hier auszukennen.”, sagte ein junger Mann.
Er war vielleicht Anfang zwanzig und wir hatten bereits schon einmal zusammen einen Kurs besucht. Damals hatte er den Spitznamen Fisch von mir erhalten. Um ehrlich zu sein, dachte ich nicht, dass er sich so gut durchsetzen würde. Aber ich konnte mir einfach nicht seinen Namen merken. Irgendwas wie Christoph, Christopher oder Christian. Ach klingt doch alles gleich und die anderen konnten sich seinen Namen anscheinend auch nicht merken.
“Wo sind wir hier?”, ergänzte er sich noch und Carina fügte noch ein ‘Würde ich auch gerne wissen’ hinzu. Sie schien erleichtert zu sein, wenigstens die beiden vom Sehen zu kennen.
“Wer seid ihr?”, fragte Raphael nun endgültig verwirrt nach und blickte sich um.
“Irgendwie hab ich das Gefühl … ein Déjà vu.”, murmelte er schließlich weiter vor sich hin.
“Weil du Trottel schon mal da warst.”, klärte ihn das blonde Mädchen namens Sonja entnervt auf.
Wenn ich nicht so schlecht beisammen wäre, hätte ich sie das nicht sagen lassen. Ich seufzte, schaue noch einmal in die Runde und erkläre dann knapp, dass es alles nur ein Traum ist. Sonja kichert. Soll mir doch alles egal sein. Denkt, was ihr wollt.
Ich drehte mich zu dem kleinen Haus mit Holzverdeckung am Rande der Lichtung und ging drauf zu. Wenn ich schon mal hier war, konnte ich es auch ausnutzen. Das blonde Mädchen trottete augenblicklich neben mir her. Die anderen berieten sich noch kurz untereinander, folgten uns letzten Endes jedoch auch.
Als ich die natürlich nicht abgesperrte Eingangstür öffnete und durch den kleinen Wohnraum stolperte, fragte ich Sonja, ob sie die anderen zurückbringen könnte.
“Es gehen nur alle auf einmal, das weißt du.”
“Du hast es noch nicht probiert.”
Ich lies mich auf einen Sessel fallen und stützte mich wieder am Tisch ab.
“Ich kenn die nicht mal, wie soll das …”
“Menschen, es sind Menschen. Krieg sie einfach nur hier weg.”, unterbrach ich sie barsch. Wieso musste immer ich mir Gedanken über alle Konsequenzen machen?
“Mit wem redest du, Marlene?”, Raphael stand hinter mir und klang besorgt, “Geht es dir gut?”
“Fass sie nicht an!”, fauchte Sonja, als er mir die Hand auf die Schulter legen wollte. Irritiert hielt er inne. Ich konnte mir gut vorstellen, dass er gerade innerlich mit sich kämpfte, ob er mich berühren sollte oder nicht. Oder anderes gesagt, er wollte, konnte aber nicht.
“Sonja bitte.”, murmelte ich zum Tisch und überlegte einfach zum Kurs zurückzukehren, auch wenn ich mich absolut nicht danach fühlte, die demotiviere Kursleiterin wieder zu sehen.
“Was den?”, fragte das Mädchen unschuldig.
“Marlene?”, diesmal erkundigte sich Carina unsicher nach mir. Sie klang so als würde sie gleich zu weinen anfangen.
“Sie sehen dich nicht.”
“Ist auch lustiger so.”, lachte sie und stupste Fisch an, welcher zur Seite gegen den letzten Kursteilnehmer stolperte und dann verwirrt auf die Stelle sah, wo Sonja stand.
Ich knurrte kurz.
Mit einer ausladenden Bewegung deutete das Mädchen genervt auf alle Personen im Raum. Jeder im Raum, abgesehen von mir, weil ich lang mittlerweile schon mehr am Tisch als das ich mich abstützte, machte mehrere Schritte weg von Sonja. So viele wie sich halt im kleinen Raum ausgingen. Ich hörte die Carina scharf Luft einzog. Aber niemand traute sich etwas zu sagen.
“Und das ist jetzt besser?”, fragte Sonja und kam zu mir zum Tisch.
“Ja und jetzt bring uns zurück.”, ich hatte endlich meine Entscheidung getroffen.
“Vergiss es, sobald es dir besser geht.”
“Das steht nicht zur Diskussion. Es sind Menschen.”
“Na und? Von denen gibt es schon genug. Ein paar mehr oder weniger, fällt nicht auf.”
Ich hob meinen Kopf um das Mädchen böse anzusehen. Ich glaube nicht das es mir gelungen ist. Mein Kopf explodiert gleich. Aber Sonja lies sich nicht beirren, also saßen wir hier fest. Ich hatte einfach nicht die Kraft, um alleine zu wechseln, geschweige den, dass ich die anderen mit mir nehmen konnte.
“Was ist das?”, fragte Fisch leise und unsicher.
“Es ist ein Scheiß Traum.”, raunte ich noch einmal.
“Das ist kein Traum.”, stellte eine dunkle Stimme fest. Es musste die vom zweiten Herr aus dem Kurs sein. Wie hieß er noch? Ich denke Markus.
“Er kneift sich die ganze Zeit in den Oberarm.”, lachte Sonja neben mir los.
“Marlene, was ist hier los?”, versuchte Raphael erneut zu erfragen, “Ich bin mir auch sicher, dass das hier kein Traum ist.”
“Wie sind wir dann hier hergekommen?”, hörte ich Carina leise sagen, aber es schien als würde sie mehr mit sich selbst sprechen. Sie hatte die Traum-Theorie anscheinend noch nicht aufgegeben. “Ein Engel.”
Ich fing zu lachen an. Auch wenn mein der stechende Schmerz zurückkehrte, es war mir egal. Die Welt um mich drehte sich und ich zog die zweite Hand ebenfalls hinzu, um mich vom Tisch abstützen. Unbeirrt lachte ich vor mich hin. Sonja ein Engel, nicht einmal ansatzweise. Von irgendwo hörte ich Sonja ebenfalls kichern.
“Sind das nicht die was Menschen beschützen?”, hörte ich ihre Stimme in meinem Kopf echoen.
“Ich bin eine Trilane.”, lachte sie vor sich hin und hüpfte durch den Raum, breitete ihre Flügel aus, legte sie wieder eng um ihren Körper und genoss die Aufmerksamkeit der Anwesenden. In dieser Hinsicht war sie absolut keine Trilane.
“Und was tun wir hier?”, fragte Markus trocken. Er hatte wirklich ein ruhiges Gemüt.
“Genau! Mein Meeting!”, schrie Raphael schon fast und schlug sich gegen den Kopf, “Ich darfs nicht verpassen! Mein Chef bringt mich um.”
Carina fing leise zum Wimmern an. Ich sah hoch und zu den andern hinüber. Sie war gegen die Wand gelehnt und verbarg ihr Gesicht. Raphael stand aufgeregt hinter mir, und als er mich sah, wandelte sich deine Miene schlagartig. Er blickte besorgt auf mich, tat einen Schritt nach vorne, dann aber wieder zurück.
Fisch stand dicht hinter Markus und ich glaube er hielt sich sogar an seinem Ärmel fest. Markus sah zwar ruhig aus, aber er hatte seine Hände zu Fäusten geballt und zitterte leicht.
Die Umgebung hier machte ihnen allen zu schaffen. Wackelig hob ich eine Hand und wischte mit einer kleinen Bewegung über den Tisch vor mir. Vier kleine Fläschchen mit einer braunen Flüssigkeit tauchten auf. Alle mit einem korkenähnlichen Gegenstand verschlossen.
“Ist es das was ich glaube?”, Sonja beugte die Flaschen interessiert, “Wieso hast du etwas hier?”
“Nur so zur Sicherheit.”, murmelte ich, “Man weiß ja nie.”
Ich sah sie böse an, diesmal blickte sie betroffen weg. Ich weiß, dass es nicht ihre Absicht war, die Menschen hier herzubringen. Sie wollte mir nur helfen, aber um ehrlich zu sein, ging es mir nun schlechter als vorher. Ich legte zitternd meine Hand flach auf den Tisch. Die Zweite stützte immer noch meinen Kopf. Wenn ich jetzt aufstehen würde, würde ich am Boden wieder aufwachen.
“Trinkt das.”, sagte ich zu der Runde, aber niemand rührte sich.
Plötzlich schritt Raphael steif neben mich, hob ungeschickt eine Flasche hoch, öffnete sie und trank den Inhalt. Sein Gesicht war zu einer entsetzten Maske entstellt worden. Er zitterte und starrte auf das leere Gefäß in seiner Hand.
“Was ist das?”, hörte ich Fisch leise flüstern. Ich kicherte, woher sollte Markus das den wissen?
Nacheinander nahm jeder steif ein Fläschchen und trank es. Raphael stand mittlerweile an der Wand gelehnt und sah mit einem trägen Blick in die Runde. Er wirkte komplett entspannt. Auch Carina hörte auf zu heulen. Sie setze sich neben mich und sah fasziniert auf Sonjas Flügel.
Die beiden verbleibenden Herren erfuhren eine ähnliche Wirkung. Markus war nun tatsächlich entspannt und Fisch grinste dumm im Raum herum. Er sah von einen auf den andern, hatte aber nicht das Bedürfnis sich wie üblich irgendwie zu äußern. Da soll mir noch einmal jemand sagen, dass Drogen keine gute Sache sind. Wobei es sich dabei eher um ein starkes Beruhigungsmittel handelt.
Das Trilanen Mädchen tanzte wieder leichtfüßig durch den Raum und betrachtete die Menschen fasziniert. Niemand schien dies zu stören. Sie warf mir ab und zu einen verstohlenen Blick zu, wenn sie etwas Seltsames an den Menschen entdeckt hatte. Mein Kopf pulsierte, doch ich sah ihr weiter dabei zu.
Plötzlich wich sie vor Markus zurück und stand neben mir. Erschrocken wich Raphael an die Wand gedrückt von ihr weg. Doch dann sah er wieder gleichgültig in den Raum. Carina sah sich suchend nach Sonja um. Fisch schien nichts bemerkt zu haben und die Überraschung auf Markus Gesicht war ebenfalls schon wieder verschwunden.
“Rasinko!”, schrie eine Stimme in meinem Kopf und ich sah ein Bild von Markus vor mir, wie er blutverschmiert über den Körpern von Sonja und mir stand.
Das blonde Mädchen neben mir zitterte und ihr Atem war schwer. Ich spürte, wie mir Adrenalin in die Adern schoss und meine Schmerzen nachließen. Für einen Moment war mein Kopf klar. Ich stand auf, stützte mich in der Mitte des Tisches ab und sprang darüber zur Kochnische. Ich öffnete eine Lade und holte ein Messer heraus. Dabei lies ich Markus nicht aus den Augen. Er sah immer noch auf den Platz, an dem ich gesessen hatte. Komplett ruhig. Das Mittel wirkte auf jeden Fall, dachte ich mir. In meinem Kopf echote Sonjas panische Stimme, die immer und immer wieder das Wort Rasinko wiederholte und sich dabei verschiedene grausamen Szenen ausdachte.
Mit weiteren vier Schritten stand ich vor Markus. Er schien mich nicht zu bemerken. Ich griff nach seiner Hand und lies sie sofort reflexartig wieder los. Als hätte mir jemand in das Gesicht geschlagen. Was war das? Kalt lief es mir den Rücken herunter. Ich wollte weg von hier. Weg von ihm. Er war gefährlich. Mein Körper begann zu zittern.
Sonja hinter mir wimmerte auf und drückte sich ebenfalls zitternd gegen die Wand. Ihre panische Stimme schrie in meinem Kopf, dass ich weglaufen sollte. Ich sah, wie der Mann mir das Messer aus der Hand nahm. Mich gehässig angrinste. Dann stieß er mir es in den Bauch. Alles begann dunkel zu werden. Er grinste mich immer noch an. Sonja schrie.
Markus Kopf schnellte zu mir und er wich träge einen Schritt zurück. Die Panik viel von mir ab und die Bilder verschwanden. Ich spürte den Puls an meinen Hals hämmern. Was zur Hölle war das? Ich zog tief die Luft ein. Seit wann habe ich aufgehört zu atmen. Das Gesicht des Mannes war überrascht. Ich durfte keine Zeit verlieren. Erneut griff ich nach seinem Arm, zog ihn an mich und unterdrückte die Panik. Mit einer schnellen Bewegung schnitt ich ihm in den Unterarm.
Noch bevor das Blut aus der heraus rann, stand ich keuchend wieder in der Kochnische an dieselbe Wand gedrückt wie Sonja. Versuchte Sonjas panische Schreie in meinem Kopf zu ignorieren.
‘Er bringt dich um! Rasinko! Ein Rasinko! Er tötet uns alle! Sein Blut! Du hast es getan! Er tötet!’
Ich versuchte mich zu beruhigen.
Markus hob seinen Arm langsam und hielt die Wunde vor seine Augen. Als könnte er nicht glauben. Oder auch einfach nicht verstehen, was diese rote Flüssigkeit war.
“Er ist es nicht.”, zischte ich zwischen meinen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Langsam gewann ich wieder die Kontrolle über meinen Körper. Ich konnte das Zittern unterdrücken und begann langsamer zu atmen. Sonja schrie immer noch in meinem Kopf. Ich sah, wie sie sich im Augenwinkel weiter hilflos gegen die Wand drückte.
‘Er ist ein Mensch.’, meine eigenen Worte echoten in meinem Kopf, aber sie gingen zwischen Sonjas Schreien unter.
“Du blutest ja”, bemerkte Fisch über Markus Schulter hinweg.
“Aja.”
Ich atmete noch einmal tief durch und drückte mich dann weg von der Wand. Ich ging langsam auf Markus zu. Er sah mich verwirrt an.
“Was ist grad passiert”, fragte er und drückte dann die Hand auf die Wunde.
“Oh, hast du dich geschnitten?”, meine Stimme klang gegen jede Erwartung komplett klar.
“Ich weiß nicht.”
Gute Entscheidung ihnen allen was zu geben, dachte ich bei mir.
‘Er ist ein Mensch. Er hat nichts mitbekommen.’
‘Nein, ein Rasinko! Du hast ihm das nur gegeben! Er wird uns töten!’
‘Beruhig dich.’, ich sagte die Worte mehr zu mir als zu Sonja. Meine Nervosität stieg wieder, als ich zu ihm ging. Ich öffnete meine Hand und einige Mullbinden erschienen darin.
“Zeig mal her.”, forderte ich Markus auf und er streckte mir willig seine Hand entgegen. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich in der anderen Hand immer noch das Messer hielt.
‘Nur ein Mensch.’
Ich drehte mich um, sah auf Sonjas schockiertes Gesicht und legte das Messer auf den Tisch. Es war nicht einmal Blut darauf. Dann wendete ich mich wieder zu dem jungen Mann und nahm seine Hand. Diesmal passierte nichts. Ich zitterte zwar, aber nur wegen meiner eigenen Aufregung. Die bedrohliche Aura um ihn herum ist verschwunden. Ich zwang mich zu einem Lächeln und sagte, dass es nicht so schlimm sei, und verband seine Wunde schnell.
Als ich mich wieder zu Sonja umdrehte, war das Mädchen einen Schritt von der Wand weggegangen und sah mich ernst an.
‘Er ist wirklich nur ein Mensch. Ich sehe kein Bluterbe.’, erklärte ich ihr.
‘Bist du dir sicher?’
‘Ja, ich spüre nichts mehr.’
‘Aber was war das dann?’, fragte sie aufgebracht. Ihre Stimme schrie beinahe wieder in meinem Kopf. Mit ihrer Stimme kamen auch die Schmerzen wieder und die Welt begann sich wieder leicht zu drehen. Das Adrenalin lässt nach.
‘Vielleicht ein Schutzzauber.’, überlege ich, aber sie sah mich immer noch unsicher an. Sie vertraute nicht auf meine Worte.
Ich fühlte, wie mein Körper schwer wurde und das Bild vor mir verrutschte. Unsicher taumelte ich gegen die nächstgelegene Wand und stützte mich ab. Sonja tauchte neben mir auf. Das Messer war vom Tisch verschwunden.
“Leg dich hin.”, flüsterte sie mir zu.
Dann sah ich zu, wie sie hinter Markus stand. Viel zu schnell, als ob es die Menschen in ihrem normalen Zustand überhaupt mitbekommen würden. Jetzt natürlich noch weniger. Raphael sah mich besorgt an, stand aber immer noch locker an der Wand. Mittlerweile hatte er aber die Arme vor sich verschränkt. Die Menschenfrau saß am Tisch und hatte noch nicht bemerkt, dass die Engelsgestalt verschwunden war, die sie gerade noch angesehen hat. Sie hatte sich nicht davon ablenken lassen, dass Sonja zuvor verängstigt an der Wand zitterte.
Fisch und Markus betrachteten beide zufrieden den Verband, Fisch nickte gelegentlich, als ob er zu einer Erkenntnis gekommen wäre.
Das blonde Mädchen hielt das Messer angriffsbereit und trat näher an den Mann heran ohne ihn zu berühren. Dann streckte sie zitternd ihre Hand aus und ihre Finger streiften kurz seinen Rücken. Jede Anspannung viel von ihr ab.
Sie huschte wieder durch den Raum, legte das Messer auf eine Küchenablage und unsere Blicken trafen sich wieder.
‘Du hattest recht.’
“Natürlich, habe ich immer.”, murmelte ich und wandte mich ab.
Ich tastete mich zur Leiter einige Meter von mir entfernt weg und versuchte das immer stärker werdende pochen in meinem Kopf zu ignorieren. Ohne viel Erfolg.
“Ich leg mich mal oben hin.”, Sonja tauchte neben mir auf um mich zu stützen, für den Fall, dass ich umkippen sollte, “Hast alles unter Kontrolle oder?”
“Sicher, sind ja nur ein paar Menschen.”, lachte sie nun.
Genau das war die Tatsache, die mir Unbehagen bereitete. Aber nun war mir alles egal. Ich wollte mich hinlegen, einrollen und die Welt vergessen. Egal was für eine Welt es war.